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Der Anständige
Der Anständige
© Salzgeber & Co

Kritik: Der Anständige (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Es gibt mittlerweile zahlreiche Dokumentationen über die unterschiedlichsten NS-Verbrecher. Der Film "Der Anständige" von Vanessa Lapa über einen der Architekten der Massenvernichtung, Heinrich Himmler, ist insofern eine Doku der besonderer Art, da der Film auf jegliche einordnende Infos z.B. durch Historiker und Zeitzeugen verzichtet. Es obliegt dem Zuschauer, sich eine eigene Meinung davon zu bilden, wie aus einem durchschnittlich gebildeten Sohn aus kleinbürgerlichem Hause einer der barbarischsten Nazis und Massenmörder werden konnte. Anhand von privaten Dokumenten wie Briefen, Fotos und Tagebucheinträgen entwirft Lapa das verstörende Bild eines Mannes, das doppeldeutiger kaum sein könnte: auf der einen Seite brutaler Nazi, auf der anderen Seite treusorgender Familienvater und Ehemann. "Der Anständige" ist ein mutiger, aufwühlender Film und nicht nur für Historiker und Geschichts-Interessierte hochinteressant.

Es war der 6. Mai 1945, als amerikanische Soldaten das Anwesen von Himmler am Tegernsee in der Nähe von München mitsamt aller gefundenen privaten Dokumente in Beschlag nahmen. Gefunden wurden Unmengen an Aufzeichnungen, Briefen und Tagebüchern, die jedoch über Jahrzehnte hinweg nie einer offiziellen Einrichtung übergeben wurden und sich bis 2006 in Privatbesitz befanden. Bis sie 2006 an eine israelische Produktionsfirma übergeben wurden, die sich sogleich daran machte, die Inhalte in jahrelanger, akribischer Arbeit aufwendig zu transkribieren. Im Anschluss standen derart viele Informationen sowie Einblicke in Privates zur Verfügung, wie sonst wohl über keinen anderen führenden NS-Verbrecher. Diese Inhalte - emotional vorgetragen von Schauspieler Tobias Moretti und seinen Kindern - bilden das Grundgerüst von Vanessa Lapas beklemmendem Film "Der Anständige".

90 Minuten lang entwirft "Der Anständige", der in der Sektion "Panorama" auf der diesjährigen Berlinale lief, anhand von Himmlers Aufzeichnungen, die im originalen Wortlaut vorgetragen werden, das ambivalente Bild eines Mannes, das äußerst makaber anmutet. Wie passt es zusammen, dass Himmler Sätze wie "Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein und gütig. Dein Papi" an seine Kinder richtet und damit zeigt, dass ihm an kaum etwas mehr liegt als an seiner Familie - auf der anderen Seite aber verbissen an der Perfektionierung der NS-Mordmaschinerie arbeitet und seinen Alltag damit verbringt, Konzentrationslager zu inspizieren oder die SS zur mächtigsten Organisation im nationalsozialistischen Regime umzufunktionieren? Das ist an Hohn kaum zu überbieten und stellt daher noch nachdrücklicher die Frage, wie ein sorgender und liebender Familienvater (der nie vergisst, seinen Kindern Süßes zu schicken) gleichzeitig barbarisch und emotionslos den Tod von Hunderttausenden hinnehmen kann.

Auf diese Fragen gibt "Der Anständige" letztlich keine Antworten, da er auf jegliche historische Einordnung durch Experten verzichtet. Der Zuschauer muss sich die Antworten selbst stricken. Dieser Umstand war zahlreichen Deutschen Fernsehsendern zu brisant und gewagt, während der ORF - der den Film mitproduzierte - "Der Anständige" in Österreich zeigen wird.

Fazit: Couragierter, mutiger Film über einen der schlimmsten NS-Verbrecher der gleichzeitig besorgter Familienvater und Architekt der Massenvernichtung war.




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