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Kritik: Wir sind die Neuen (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Zuerst denken die drei Sechzigjährigen, dass sie auf die jungen Studenten im Haus vielleicht zu wenig cool wirken. Aber als sie beim Antrittsbesuch aufgefordert werden, die Schuhe auszuziehen, erkennen sie, dass nicht sie die Spießer sind. In seinem dritten Film nach "Shoppen" und "Der letzte schöne Herbsttag" vergleicht Ralf Westhoff zwei Wohngemeinschaften, die aufgrund des Altersunterschieds Welten trennen. Während sich Anne, Johannes und Eddi immer noch easy geben, wie in ihrer unangepassten Uni-Zeit vor 35 Jahren, sind Katharina, Barbara und Thorsten ordentlich und zielstrebig. Sie haben nur ernsthafte Dinge wie Lernen im Kopf.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der reiferen WG erzählt, so dass die Jungen hauptsächlich als übermotiviert und stressanfällig auffallen. Die ehemaligen Studenten der Siebziger gestalten ihr Zusammenleben im Stil von einst, locker und spontan. Aber sie geraten auch ein wenig ins Grübeln, angesichts der Vorwürfe, die ihnen die heutigen Studenten an den Kopf schleudern. Anne hat 18 Semester studiert, oder war zumindest so lange eingeschrieben. Johannes ging auf Demos, wenn er nicht gerade seinen Rausch ausschlief. Nun arbeitet er aus Idealismus für Klienten, die kein Geld haben, und die Biologin Anne hat ihr Engagement für Schleiereulen auch nicht reich genug gemacht für eine eigene Wohnung im Berlin der Gegenwart.

Der Humor speist sich hauptsächlich aus der Umkehrung des Klischees von den lauten Jungen und den ruhebedürftigen Älteren. Aber allmählich nutzt sich der reichlich zugespitzte Kontrast der beiden WGs etwas ab und den Jungen gehen die Schmähungen aus. Die bestehen allzu oft bloß darin, dass ihnen die Zukunft gehört. Die Nachbarschaftshilfe, die sich im Schlussteil entwickelt, wirkt dramaturgisch bemüht. Am besten funktioniert der muntere Klischeereigen, wenn die drei Älteren unter sich sind. Aus den selbstironischen Dialogen klingt immer wieder eine ansteckende Sehnsucht nach der wilden Jugend durch. Man fragt sich dabei ein wenig bang, in welchen Erinnerungen die braven Studenten von heute einmal schwelgen werden...

Heiner Lauterbach, der den drahtigen Draufgänger spielt und Michael Wittenborn als der softere Johannes geben der Komödie mit ihrer lebhaften Darstellung Pfeffer. Gisela Schneeberger wirkt ebenfalls sympathisch, aber sie bekommt kaum Gelegenheit, die schnippisch-egoistische Macherin herauszukehren, die in Kabarett- und Satiresendungen ihr Markenzeichen wurde. Insgesamt flacht die vergnügliche Schmunzelkomödie mit zunehmender Dauer inhaltlich ab. Die Figurenzeichnung hätte auch mehr Substanz vertragen können. Außerdem lässt schon die allzu rockige Musik die Handlung im Vergleich unvorteilhaft blass aussehen.

Fazit: In Ralf Westhoffs dritter Komödie lehrt eine WG von Sechzigjährigen drei Studenten von heute das Fürchten: Die sympathischen reiferen Semester rufen die Sehnsucht nach der wilden alten Zeit wach, aber das hübsche Thema wird ein wenig oberflächlich behandelt.




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