VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Sicario (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Dass er packend inszenieren kann, stellte der Frankokanadier Denis Villeneuve schon in seinem Hollywood-Debüt "Prisoners" unter Beweis. Einem fesselnden Entführungsthriller mit ambivalenter moralischer Grundierung. Ähnlich elektrisierend fällt nun auch seine zweite US-Produktion aus, die den Krieg gegen die Drogenringe ins Visier nimmt und dem Zuschauer trotz absehbarer Handlungsentwicklung wiederholt den Atem raubt. Thematisch hat "Sicario" – ein spanisches Wort für "Auftragsmörder" – sicher keine neuen Erkenntnisse zu bieten, sondern bemüht ein düsteres Bild, das andere Filme bereits gezeichnet haben. Im Kampf um die Vormachtstellung sind den Kartellen alle Mittel recht. Und auch die Amerikaner greifen auf Methoden zurück, die mit rechtsstaatlichem Handeln nichts zu tun haben.

Gerade weil die Eskalation der Ereignisse und der kritische Blick auf das Vorgehen der US-Behörden nicht mehr überraschend sind, ist es umso erstaunlicher, wie selbstverständlich Villeneuve elektrisierende Spannungsmomente kreiert. Überdeutlich wird dies schon in der pulsierend-nervenzerrenden Eröffnungssequenz, die den Betrachter nicht zuletzt dank einer bedrohlich-wummernden Tonspur (Musik: Jóhann Jóhannsson) in das Geschehen hineinzieht. Fast hat es den Anschein, als wäre man selbst Mitglied der Sonderheit für Entführungsfälle, die ein heruntergekommenes Haus im Großraum Phoenix stürmt und dort auf Dutzende eingemauerte Leichen stößt. Kate Macer (erfrischend natürlich: Emily Blunt), die junge FBI-Agentin, mit der wir fortan in die finster-brutale Drogenwelt abtauchen, wird uns vorgestellt als taffe und engagierte Polizistin, die der verheerende Einsatz nicht völlig kaltlässt.

Da die Protagonistin nach der niederschmetternden Erfahrung im Kampf gegen das organisierte Verbrechen erst recht etwas bewegen will, schließt sie sich der von Matt Graver (angemessen hemdsärmelig: Josh Brolin) geleiteten Sondertruppe an, die ein mächtiges Drogenkartell zur Strecke bringen soll. Ein Haufen wilder, undurchsichtiger Kerle (allen voran: Benicio Del Toro als geheimnisvoller Söldner Alejandro), aus dem Kate als Frau heraussticht. Noch dazu reagiert sie auf Rechtsbrechungen mit Entsetzen, was ihre skrupellosen Mitstreiter jedoch weglächeln, da sie sich in einem dreckigen Krieg befinden, der keine Grenzen kennt. Ein männlich-destruktiver Ansatz in bester Wild-West-Manier, der vor allem deshalb wütend macht, weil er – so zeigt es Villeneuve – auf allen Ebenen Anklang findet.

Anders als im klassischen Erzählfilm bleibt das Aufbäumen der Hauptfigur in diesem Fall aus. Zu groß sind die Widerstände, gegen die Kate ankämpfen müsste. Und zu tief sitzt der selbstgerechte Glaube an gewaltsame Lösungsstrategien. Die meiste Zeit bleibt die FBI-Agentin eine passive Beobachterin, womit "Sicario" die im Thriller- und Actionkino noch immer vorherrschende weibliche Zurückhaltung zementiert. Auch wenn man Kates Degradierung zur bloßen Augenzeugin kritisch hinterfragen kann, untermauert gerade diese Entscheidung die rundum pessimistische Sicht auf den Drogenkrieg. Die üblichen Hauruck-Versprechen Hollywoods greifen hier ins Leere. Soll heißen: Einer Einzelperson ist es schlichtweg unmöglich, dem komplexen Problem durch große Taten beizukommen.

Abseits dieser Diskussion überzeugt "Sicario" als mitreißend inszenierter Spannungsfilm, der die Leinwand bei einem Gefangenentransport durch das mexikanische Juárez und der finalen Konfrontation in einem weit verzweigten Tunnelsystem regelrecht zum Bersten bringt. Grandios sind außerdem die Bilder von Kameraveteran Roger Deakins. Egal, ob es sich nun um die spektakulären Helikopteraufnahmen von Stadt und Felsformationen handelt, poetische Eindrücke vor abendlichem Wüstenhimmel oder die unkonventionelle Nachtsichtperspektive gegen Ende – viel ausdrucksstärker hätte man das Geschehen nicht in visuelle Formen gießen können.

Fazit: Inhaltlich wenig originell, aber filmisch eine Wucht – atemberaubende Bilder, ein beunruhigender Score und meisterlich komponierte Spannungssequenzen machen Denis Villeneuves pessimistischen Drogenthriller zu einem mitreißenden Erlebnis.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.