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Polder - Tokyo Heidi
Polder - Tokyo Heidi
© Camino

Kritik: Polder - Tokyo Heidi (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der schweizerische Spielfilm der Regisseure Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal macht sich lustig. Über die Faszination, die Computerspiele auf Menschen ausüben, die lieber als Avatare durch die Gegend laufen, als sich mit der Wirklichkeit herumzuschlagen. Über das Geschäftsfeld Unterhaltung mit seinem Trend der Gamifizierung, der längst auch die Domäne des Films erfasst hat. Wer sich aber gamifizieren lässt, der muss sich nicht wundern, dass er gesteuert wird – von findigen Konzernen, Datensammlern, den eigenen Bedürfnissen, der paranoiden Welt des Postfaktischen. Die Regisseure verstehen den Film als Teil eines transmedialen Storytellingprojekts, das sich im Dialog mit dem Publikum und den Usern weiterentwickelt. Sie sagen, der Plot habe ihnen auch ein wenig die Angst vor einer Zukunftsvision mit einem allmächtigen Digital-Konzern genommen, "und sei es nur, weil wir den Alptraum schon vorgeträumt haben."

Eine Handlung im üblichen Sinn ist hier nicht zu erwarten, vielmehr können weder die Protagonisten, noch die Zuschauer mit Sicherheit wissen, was noch zur Ebene der äußeren Wirklichkeit gehört und was schon Teil des Neuroo-X-Spiels ist. Ryuko will die Wahrheit herausfinden, über das Böse, das Marcus angetan wurde, sich mit seinen Botschaften an sie beschäftigen. Sie ist aber auch Mutter und das Schicksal ihres Sohnes bestimmt zunehmend ihre Motivation. Marcus wollte aus dem Spiel heraus das Tor zur Freiheit finden, notfalls mit Gewalt. Mit seinen zahlreichen Wendungen, die auch die Charaktere selbst überraschen, bleibt der Film durchgehend rätselhaft und macht dabei einen gewitzten Eindruck.

Ryuko verwandelt sich zwischendurch in eine Person mit pinkfarbenen Haaren, die wie eine Comicfigur anmutet. Es gibt mit einer Schere verübte Gewaltakte, Schießereien in verschneiter Landschaft, eine einsame Hütte, ein altes Grand Hotel. Die zeitlichen Sprünge der Handlung, der ständige Dialog zwischen Realität und Spielebene sorgen für Spannung und Kopfzerbrechen. In Farbe gedrehte Szenen reihen sich an Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Musik klingt oft düster und melodramatisch. Und dazu liefern die Neuroo-X-Entscheider zynische Sprüche über den Konsumenten im System. Na ja – in diesen schier endlosen Ideenschleifen hält sich aus Zuschauersicht der Erkenntnisgewinn doch in Grenzen.

Fazit: Die ideenreiche, satirische Auseinandersetzung der Filmemacher Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal mit der Gamifizierung nimmt die Zuschauer mit auf einen schwindelerregenden Trip durch zukünftige Erfahrungswelten, die von Fiktionalisierung und Manipulation geprägt sind. Mit stilistischer Kreativität und verblüffenden Wendungen vertieft sich der Film genüsslich in einen wandlungsfähigen, alles verschlingenden Spielkosmos, vermeidet es aber, selbst Position zu beziehen.





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