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Kritik: Das blaue Zimmer (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mathieu Amalric ist bekannt als einer der besten französischen Charakterdarsteller ("Schmetterling und Taucherglocke", "Venus in Furs"). Weniger bekannt ist, dass Amalric auch schon öfter selbst Regie geführt hat. So stand der Künstler in dem Drama "Tournée" sowohl vor, als auch hinter der Kamera und schrieb außerdem am Drehbuch mit. Die gleiche Vielzahl an Rollen nimmt Amalric in "Das blaue Zimmer" ein. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Stéphanie Cléau, die im Film die Geliebte spielt. Ihr Skript ist eine Adaption des gleichnamigen Kriminalromans von Georges Simenon. Man darf vermuten, dass die komplizierte Verschachtelung der Geschichte so noch nicht im Buch des belgischen Vielschreibers angelegt war.

"Das blaue Zimmer" beginnt sehr vielversprechend mit einer kunstvoll geschnittenen Liebesszene von Julien und Esther im titelgebenden kleinen blauen Hotelzimmer.. Amalric arbeitet mit sorgfältig gewählten Bildkompositionen und unkonventiellen Bildausschnitten. Dieses Spiel setzt sich beim Schnitt fort. Aus Versatzstücken in der Gegenwart und der Vergangenheit bildet Amalric ein kunstvoll elaboriertes Mosaik. Die einzelnen Bruchstücke werden durch die oftmals zusätzlich versetzte Tonebene miteinander verwoben. Das Ergebnis ist ein zunächst beeindruckendes, im Verlaufe der nur 76 Minuten kurzen Handlung jedoch allmächlich ein wenig ermüdendes komplexes Bild-Ton-Gebilde.

Der experimentelle Ansatz erinnert ein wenig an die frühen Werke eines Jean-Luc Godard, wie z.B. "Eine verheiratete Frau" (1964). Das zeigt, dass Godards Werke der Nouvelle Vague ein halbes Jahrhundert später noch immer frisch und avantgardistisch wirken. Leider hat Almaric vom großen Meister auch dessen großspurigen Gestus übernommen. In beinahe jeder Einstellung schreit "Das blaue Zimmer": "Seht mal her, was für ein großer Künstler und Intellektueller ich bin!" Nur wo Godard zu seinen besten Zeiten die Meisterwerke gleich dutzendweise aus dem Ärmel geschütet hat, da wirkt Almarics kleiner Arthouse-Thriller doch recht bemüht. Zudem wirkt der stark an Alfred Hitchcocks Stammkomponisten Bernhard Hermann angelehnte überladene Score in diesem eher spröden Kunstfilm wenig stilsicher.

Andererseits passt die zu laute und zu aufdringliche Musik zu einem Film, der mit viel Aufwand ein imponierend-komplexes Gebilde aufbaut, das gegen Ende aufgrund seiner nun endlich freigelegten Trivialität fast wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. So bleibt der ungute Beigeschmack zurück, dass all die Verschachtelung und das endlose Verzögern und das Vorenthalten von Informationen nicht nur der Steigerung des Suspense, sondern auch der Verschleierung der großen Banalität des Films dient. Am Ende werden die Konturen der Buchvorlage eines Autors erkennbar, der fast 200 Romane unter seinem Namen und noch einmal ebenso viele Groschenromane unter Pseudonym und zusätzlich Hunderte von Erzählungen, Reportagen und Essays schrieb. Zu erwarten, dass Simenons "Das blaue Zimmer" große Kunst ist, ist da ein wenig viel verlangt.

Fazit: "Das blaue Zimmer" fängt höchst kunstvoll an, verfängt sich anschließend in einer seltsam spröden Komplexität und endet hart am Rande der Banalität.




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