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Winterschlaf
Winterschlaf
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Winterschlaf (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Für sein über drei Stunden langes Drama "Winterschlaf" hat der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan dieses Jahr den Hauptpreis beim Filmfestival in Cannes erhalten. Die Wahl ist richtig, obwohl Xavier Dolans Film "Mommy" ebenfalls ein würdiger Kandidat für die Goldene Palme gewesen wäre. Auf den ersten Blick könnten diese beiden Dramen kaum unterschiedlicher ausfallen. "Mommy" wirkt mit seinem hyperaktiven Protagonisten und dessen Edel-Trash-Mama oft fast hysterisch. "Winterschlaf" feiert hingegen die Neuentdeckung der Langsamkeit inmitten der Einsamkeit der zentralanatolischen Winterlandschaft. Der Handlungsort in Kappadokien ist denkbar weit entfernt von der brodelnden Metropole Istanbul. Diese Landschaft wirkt mit ihren seltsamen Tuffstein-Zipfel-Felsformationen fast wie von einem anderen Stern. Der Ort ist zudem definitiv aus der Zeit herausgefallen. Der Eindruck einer zeitlosen Erhabenheit spiegelt sich in der minimalistischen musikalischen Untermalung durch ein immer wiederkehrendes Thema aus Schuberts Klaviersonate in A-Dur. Auf der Bildebene wechseln sich majestätische Panoramen der archaischen Landschaft mit von goldenem Licht punktuell erleuchteten dunklen Innenräumen ab, die mehr an Gemälde von Rembrand, als an zeitgenössische Filmbilder erinnern.

Die hier lebenden Menschen haben alle Zeit der Welt. Schier endlos diskutieren sie über ihnen wichtige Dinge und umtänzeln dabei fast kunstvoll den heißen Brei. Am Ende dieser langen Dialoge stehen mehr Andeutungen, als Aussagen. Oft bleibt der eigentlich wichtige Punkt - der Gesprächsanlass - völlig ungeklärt. Doch doe andere Seite dieser Unbestimmtheit ist eine große innere Offenheit, welche die größte Stärke von "Winterschlaf" ist. Anstatt die Charaktere in eindeutige Identifikationsfiguren und in ebenso eindeutige Antipathen zu unterteilen, entwirft Ceylan ein komplexes Panorama von komplizierten Beziehungen vielschichtiger Protagonisten. So wird Aydin zunächst als ein sensibler und zurückhaltender Schöngeist vorgestellt, der erst nach und nach weniger schöne Seiten seiner Persönlichkeit offenbart. Dann erscheint seine Zurückhaltung plötzlich fast als eine verkappte Form der Arroganz und seine scheinbare moralische Überlegenheit entpuppt sich als reine Selbstgefälligkeit und als ätzender Zynismus. Am Ende dieser Offenlegung pervertieren Aydins überlegenes Getue zu reinem Sadismus und sein Beschützerinstinkt zu nacktem Kontrollwahn. Und trotzdem wird seine positive Seite nicht ausgelöscht, sondern bleibt neben dem Ekelpaket weiterhin bestehen. Ähnlich komplex entwickeln sich die anderen zentralen Figuren. Das Ergebnis ist große Kunst.

Fazit: "Winterschlaf" besticht durch seine so unerbittliche, wie fein nuancierte Charkterzeichnung. Wir lernen die Hauptfigur als ein Ekel kennen, das wir zwar nicht lieben müssen, mit dem wir aber mitfühlen können.





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