VG-Wort

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FBW-Bewertung: Ewige Jugend (2015)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Die Kunst und das Altern sind die beiden Hauptthemen dieses Films, die wie in einer Sinfonie immer wieder variiert und gegeneinander gesetzt werden. Zwei alte Künstler und Freunde machen gemeinsam eine Kur in einem edlen Schweizer Hotelresort, das von erfolgreichen Künstlern und Prominenten aus aller Welt besucht wird und natürlich an das Davoser Sanatorium im ?Zauberberg? von Thomas Mann erinnert. Fred ist ein britischer Komponist, der seine Kunstnicht mehr ausüben will. Und das, obwohl ein Gesandter der Queen ihm deren Wunsch übermittelt, er möge doch für sie sein bekanntestes Werk noch einmal dirigieren. Mick ist ein amerikanischer Regisseur, der mit einem Team von jungen, hungrigen Autoren am Drehbuch für seinen nächsten Film arbeitet. Die beiden unterhalten sich über ihre Kunst und ihre Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Die Kinder der beiden sind miteinander liiert und durchleben gerade eine hässliche Trennung, denn der Sohn des Regisseurs hat sich mit einer berühmten Popsängerin eingelassen, sodass die Tochter des Dirigenten einen grotesken Alptraum von den beiden in der Form eines Musikvideos hat. Der Film ist gespickt mit solchen surrealen Sequenzen, in denen Paolo Sorrentino seiner ausschweifenden Fantasie freien Raum lässt und sich wieder, wie schon in LA GRANDE BELLEZZA als ein Erbe von Federico Fellini entpuppt. Wie dieser feiert er die Dekadenz und hat eine Vorliebe für extreme Menschen, die zugleich hässlich und schön sind. So etwa die junge Masseuse mit der monströsen Zahnspange, die sich in einer trancehaften Tanzszene mit einer verblüffenden Anmut bewegt. Sorrentino hat den Ehrgeiz, mit jeder Einstellung neu zu überraschen. Dramaturgie oder Plausibilität lässt er gerne sausen, wenn er nur eine Sequenz inszenieren kann, bei der die Zuschauer sich ungläubig die Augen reiben. Ist es tatsächlich Maradona, der da massig als ein Fussballgott im Pool plantscht und später mit traumwandlerischer Sicherheit immer wieder einen Tennisball senkrecht in den Himmel schießt? In einer Traumsequenz sieht Fred den Markusplatz von Venedig im Wasser versinken und später dirigiert er das Muhen der Kühe auf einer Almwiese. Und der junge amerikanische Schauspieler, der darunter leidet, dass erdurch eine Rolle bekannt wurde, in der er einen Roboter spielte, erscheint plötzlich im Speisesaal des Hotels in der Maske und dem Kostüm von Adolf Hitler, um die Wirkung dieses Auftritts zu testen. Der Film sprudelt über von solchen mit viel Witz und Fantasie erdachten und grandios inszeniertenSequenzen. Bodenhaftung bekommt EWIGE JUGEND durch die Leistungen der Schauspieler. Michael Caine und Harvey Keitel sind als Künstler und Freunde zugleich komisch und berührend, weise und eitel, egozentrisch und großzügig. Paul Dano spielt nach seiner Verkörperung von Brian Wilson wieder überzeugend eine komplexe Künstlerseele und Jane Fonda hat im letzten Akt einen grandiosen Auftritt als alternde Kinodiva, der wie ein Crescendo vor der Coda wirkt. Es ist selten geworden, dass ein Regisseur so barock und lustvoll aus dem Vollen seiner Kunst schöpft.



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