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Sieben Tage im September
Sieben Tage im September
© Zorro Film

Kritik: Sieben Tage im September (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Von diesem Berg geht eine Faszination aus. Das macht Regisseur Karsten Scheuren gleich zu Beginn seines Dokumentarfilms klar. Der Zuschauer folgt einem Kameraflug durch ein pittoreskes Flusstal, bevor er den nebelumhangenen Manaslu gewahrt. Auf der Tonspur sind Trommeln und düstere Klavierklänge zu hören. Für den Speed Bergsteiger Benedikt Böhm hat er etwas Mystisches. Der Achttausender steht für ihn da "wie eine wunderschöne, sehr elegante und für mich fast heilige Pyramide".

Neben Benedikt Böhm steht dessen Teammitglied Sebastian Haag im Mittelpunkt der Doku. In Interviews lassen die beiden den September 2012 Revue passieren: das Lawinenunglück am Manaslu, bei dem elf Menschen starben, und ihren anschließenden Weltrekordversuch. Angesichts der Tragödie geraten Böhms und Haags Ausführungen zwangsläufig zur Frage der Moral. War es den Toten gegenüber respektvoll, so kurz nach der Katastrophe den Aufstieg zu wagen? Für jeden, der mit Bergsteigen nichts zu tun hat, scheint die Antwort offensichtlich. Die Protagonisten finden eine andere, dennoch nachvollziehbare.

Regisseur Karsten Scheuren lässt aber nicht nur deren Sicht der Dinge zu. Auch die Lawinenopfer Ralf Rieske und Silvio Mondinelli kommen zu Wort. In Chamonix am Fuße des Mont Blanc spricht die Witwe des verunglückten Franzosen Rémy Lécluse, im kanadischen Revelstoke Greg Hill, der Kameramann der Expedition. Cutterin Carmen Kirchweger verbindet die Zeitebenen geschickt, montiert zwischen Böhms und Haags Aussagen Filmaufnahmen und Fotos der Expeditionen aus den Jahren 2007 und 2012.

In "7 Tage im September" schwingt stets die Frage mit, was die Protagonisten dazu treibt, immer wieder ihr Leben zu riskieren. Hier stößt der Film schnell an seine Grenzen, hakt nicht entschieden genug nach. Dass Böhm und Haag nicht leichtsinnig sind, zeigt eine Aufnahme aus dem Jahr 2007. "Ich hab' keinen Bock wegen 'ner Lawine draufzugehen", sagt Böhm in die Kamera, als das Team fünf Jahre vor dem erneuten Rekordversuch auf 7200 Metern umkehren musste. Dennoch offenbaren die Interviews die teils verquere Logik der Protagonisten. So sieht Benedikt Böhm, der sich nach eigener Aussage mit Stillstand schwertut und Action braucht, im hohen Tempo der Besteigungen sogar einen Vorteil. Ziel sei es schließlich, so schnell wie möglich aus der Todeszone eines Bergs wieder herauszukommen. Für Böhm ist das "maximaler Speed mit minimalem Risiko". Wie die beiden Freunde dieses Risiko vor ihren Familien rechtfertigen, bleibt der Film jedoch schuldig. Böhm ist Ehemann und Vater. Kurz nach dem Unglück spricht er davon, dass er sich gar nicht vorstellen möchte, wie schlimm es für die Angehörigen sein muss, einen geliebten Menschen am Berg zu verlieren. Sich selbst stellt diese Frage weder er noch der Film.

Wie utopisch der Wunsch nach minimalem Risiko letztlich ist, verdeutlicht ein Ereignis, das Karsten Scheurens Dokumentation noch vor ihrem Kinostart eingeholt hat. Sebastian Haag lebt nicht mehr. Im September 2014 starben er und der italienische Bergsteiger Andrea Zambaldi bei einem Lawinenunglück am Shisha Pangma. Gemeinsam mit Benedikt Böhm sowie den Bergsteigern Ueli Steck und Martin Maier wollten sie einen weiteren Weltrekord aufstellen. All dies hat sich erst nach dem Ende der Dreharbeiten zu "7 Tage im September" ereignet, verleiht den Aussagen der Protagonisten in der Rückschau jedoch eine neue, tragische Note.

Fazit: "7 Tage im September" ist das intensive Porträt zweier Extrembergsteiger. Eine Geschichte über Freundschaft, Rivalität und Risiko, die es an manchen Stellen jedoch versäumt, entschieden nachzuhaken.




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