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Kritik: Heli (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Am Anfang von Amat Escalantes eindrucksvollem Film "Heli" sind zwei zerschundene Körper junger Männer auf der Ladefläche eines Pick-ups zu sehen, dann bewegt sich der Kopf des einen Mannes, wird aber weiterhin brutal von einem Stiefel niedergedrückt. Der Wagen hält an einer absurd und seltsam nutzlos wirkenden Brücke in einem verlassenen wirkenden Ort, die Männer steigen aus, hängen einen der jungen Männer von der Brücke und lassen den zweiten dort zurück. Nach gut einer Stunde wird der Film zu dieser Situation zurückkehren – und dann ist sie weniger absurd als erschreckend.

Mit sehr ruhiger, fast schon statischer Kamera erzählt Amat Escalante von dem Leben des 17-jährigen Heli (Armando Espitia), der ebenso wie sein Vater in einer Autofabrik vor Ort arbeitet. Sie versuchen, sich aus allem herauszuhalten, denn auch in ihrem Dorf hat sich zwischen Drogenkartellen und dem Staat eine Allianz ergeben. Deshalb bleiben sie unauffällig und wollen alles richtig machen. Der ebenfalls 17-jährige Polizeikadett Beto (Juan Eduardo Palacios), der Freund von Helis Schwester Estela (Andrea Vergara), verspricht sich hingegen eine Zukunft bei einer paramilitärischen Einheit und unterwirft sich dem menschenverachtenden Drill. Stoisch erträgt er die Demütigungen und entwirft vor Estela ein besseres Bild von seiner Ausbildung. Er scheint ihre Anerkennung zu genießen und will sie heiraten. Erst weigert sie sich, sie will nicht weg von ihrer Familie, aber dann willigt sie ein. Obwohl es durch den Altersunterschied wirkt, als könnte Beto Estela ausnutzen, teilen sie vielmehr eine romantische Naivität, die fatale Folgen haben wird. Er stiehlt Kokainpäckchen, doch das lässt die Sondereinheit von Militär und Polizei, die in die Drogengeschäfte verwickelt ist, nicht mit sich machen.

Schonungslos zeigt Amat Escalante die Folterungen, die dem Diebstahl folgen und mitunter nur schwer zu ertragen sind. Doch nicht nur das Klatschen des Paddels auf den Körper oder das Anzünden von Geschlechtsteilen ist hart mit anzusehen, fast noch mehr erschüttert die Gleichgültigkeit, mit der die Misshandlungen von den drogensüchtigen Anwesenden betrachtet wird. Die Kamera, die anfangs vor allem die Erstarrtheit der Gesellschaft ausdrückte, verweist nun auf ihre Stumpfheit: die Folterungen werden nicht aus einer sadistischen Neigung oder Perversität heraus begangen oder betrachtet, sondern schlichtweg hingenommen.

Erstaunlich ist dabei Escalantes erzählerische Ökonomie: durch ein Bild vermag er zu erzählen, wie die bestohlenen Drogenhändler auf Helis Familie gekommen sind, Estelas Schicksal wird durch einen Gespräch deutlich, bereits am Anfang ist durch eine Volkszählungsbefragung alles wichtige über Heli zu erfahren. Dadurch vermeidet Escalante zudem einige stereotype Sequenzen. Außerdem begeistert sein Gespür für die Lichtsetzung und für Symmetrien, die seinen Bildern oft einen malerischen Charakter verleihen.

Fazit: "Heli" ist ein erschütternder und mitleidsloser Film, dessen berührendes Schlussbild nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass das auf den ersten Blick glückliche Ende trügerisch ist. Es scheint, als hätten die Überlebenden erkannt, dass ihr Leben nicht ewig gehen wird – und jeden Moment ein weiteres Mal die Tür eingetreten werden kann.




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