VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Höhere Gewalt
Höhere Gewalt
© Alamode Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Höhere Gewalt (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

In Cannes mit dem Spezialpreis der Jury in der Sektion "Un certain regard" ausgezeichnet, ist "Höhere Gewalt" ("Turist") ein hochspannendes Familiendrama, das bewusst künstlerische Elemente einsetzt, um das Drama zu inszenieren. Fünf Tage wollen Tomas (Johannes Bah Kuhnke), Edda (Lisa Loven Kongsli) und ihre Kinder Vera (Clara WEttergren) und Harry (Vincent Wettergren) in den französischen Alpen bleiben, diese fünf Tage gliedern den Film: Der erste Tag ist die Exposition, die Personen werden eingeführt, außerdem ist zu erfahren, dass Tomas zu viel arbeitet und Ebba deshalb möchte, dass er sich im Urlaub um die Familie kümmert. Am zweiten Tag geschieht das Unglück, der dritte Tag behandelt die Folgen für Edda, der vierte Tag für Tomas und in der Nacht zum fünften Tag eskaliert die Situation. Dabei verzichtet Ruben Östlund auf billige Effekte, sondern verleiht seinem Film durch die fünfaktige Struktur und die klassische Musik von Vivaldi, die die Tage trennt, den Charakter einer Versuchsanordnung, ohne dass diese Inszenierung die Empathie für die Charaktere mindern würde. Niemand weiß, wie er sich in einer Extremsituation verhalten würde, aber jeder glaubt, er würde seine Familie, seine Liebsten beschützten. Edda hat sich entsprechend dieses Selbstbildes verhalten, Tomas jedoch ist seinem Instinkt gefolgt und weggelaufen. Dieses Verhalten entspricht weder seinem Männlichkeitsideal, noch kann Edda über diesen Vertrauensbruch hinwegsehen. Sie glaubt, er ist vor seiner Familie weggelaufen. Mit dieser Handlung wirft Ruben Östlund interessante Fragen über Rollenbilder auf, die unser Zusammenleben dominieren. Dabei fügen sich Edda und Tomas anfangs in die Rollen, die sie auch im Alltag haben: Tomas arbeitet viel und auch im Urlaub klingelt sein Telefon regelmäßig, er sieht sich hingegen als Ernährer der Familie, will viel arbeiten, ein verständnisvoller Vater und Ehemann sein, außerdem seine Familie beschützen. Dann lässt sie während der Lawine im Stich. Edda möchte hingegen, dass er Zeit mit der Familie verbringt – neudeutsch: quality time. Im Urlaub werden diese Rollenbilder ohnehin hinterfragt, da das Korsett des Alltags fehlt. So zweifelte Edda schon vor der Lawine, ob ihr Leben so richtig ist. In Gesprächen mit einer anderen schwedischen Touristin, die ohne ihre Kinder und Mann verreist ist, wird sie mit einer anderen Welt konfrontiert, die ihre Grundfesten erbeben lässt – und Tomas’ Verhalten bringt das Fass zum Überlaufen. Sie erkennt, dass sie sich auf ihren Mann nicht verlassen kann, Tomas muss einsehen, dass er sich auf seine Instinkte nicht verlassen kann. Damit können sie nicht in ihren Rollenmustern bleiben. Neben diesen soziologischen Fragen überzeugt "Höhere Gewalt" durch seinen visuellen Stil. Das Bergdorf in den französischen Alpen verspricht gehobenen Tourismus, schicke Hotels mit großen Zimmern und Küchen geben der Familie viel Raum, hier kann selbst gekocht werden, man kann aber auch essen gehen. Alles wirkt hermetisch abgeschlossene, wie ein Idyll, das in die Berge gegossen wurde. Dabei betont die Kameraarbeit die Gegensätze zwischen der rauen Bergwelt und den strengen Hotelbauten, so dass die Landschaft den grundlegenden Konflikt widerspiegelt: Tomas folgte seinem natürlichen Instinkt, der sein mühsam errichtetes Selbstbild torpediert. "Höhere Gewalt" ist somit ein Film, der für Diskussion sorgt und zum Nachdenken anregt. Dennoch erscheint diese sorgsam angelegte Parabel niemals künstlich – und das ist das große Verdienst des Films.

Fazit: "Höhere Gewalt" ist eine hochspannende Parabel über die Rollenbilder von Männern und Frauen.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.