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Demolition - Lieben und Leben
Demolition - Lieben und Leben
© 20th Century Fox

Kritik: Demolition - Lieben und Leben (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der frankokanadische Regisseur Jean-Marc Vallée ist immer wieder für Überraschungen gut: Seine Filme, etwa "C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben" oder "Dallas Buyers Club", verfügen oft über ein außergewöhnliches Maß an Realismus und Lebensnähe. Damit verblüffen sie den mit Routine-Geschichten abgefütterten Kinogänger und rütteln ihn mit ihrer optimistischen Grundhaltung wach. Mit "Demolition – Lieben und Leben" legen Vallée und sein Drehbuchautor Bryan Sipe nun ein aufregendes Psychodrama vor, das dem recht schwülstigen Trauerfilmgenre eine Auffrischungskur verpasst. Ein Investmentbanker Mitte 30 wird plötzlich Witwer und erkennt, dass in seinem Leben schon lange nichts mehr gestimmt hat. Ist dieser Davis ein gefühlskalter Charakter, zieht der dominante Schwiegervater an geheimen Strippen, verwandelt sich der Plot gar in einen Thriller? Nicht nur der Titel selbst schürt diese Erwartung, auch im Verlauf bleibt die Handlung mit ihrer knisternden Suspense-Spannung unvorhersehbar.

Hat nun in Davis' Leben wirklich nichts mehr gestimmt, oder kommt ihm das nur jetzt so vor, weil seine Nerven blank liegen? Das weiß niemand, denn Erleben ist ja immer subjektiv. So beginnt der innere Abenteuertrip dieses Mannes, der mit seiner reglosen Miene aus einem Actionfilm entsprungen scheint und einen pedantischen, ja zwanghaften Eindruck macht. Auf der Trauerfeier steht Davis vor einem Spiegel und verzieht das Gesicht zu einer weinenden Grimasse, als würde er proben. Dabei hat dieser Mann, ohne zu wissen, warum, viel Wut, für die er ein Ventil sucht. Das intensive Psychogramm nimmt die Zuschauer mit auf eine emotionale Forschungsreise. Davis hat niemanden, bis er Karen kennenlernt und ihren Sohn, die auch niemanden haben. Der mitten in der Pubertät steckende Chris, der mit seiner sexuellen Orientierung hadert und ordentlich zu Rockmusik aufs Schlagzeug haut, erinnert Davis an wilde Jugendzeiten. Hier finden sich zwei aggressive Einzelgänger, um gemeinsam auf den Putz zu hauen.

Jake Gyllenhaal spielt Davis auf beeindruckend minimalistische Weise als Mann, in dem sich eine ungeheure Energie anstaut. Ein Phänomen ist der junge Judah Lewis als Chris, der so wild und natürlich tanzen kann. À propos Tanz: Der Film flirtet mit visuellen Experimenten, Sinnestäuschungen und Flashbacks, und er lässt Davis einmal aus der Reihe tanzen, hüpfen und springen, mitten im Fußgängerstrom New Yorks. "Demolition – Lieben und Leben" ist ein kraftvolles cineastisches Überraschungspaket, das man so schnell nicht wieder vergisst.

Fazit: Regisseur Jean-Marc Vallée festigt mit diesem außergewöhnlichen Psychodrama seinen Ruf als Erzähler intensiver, realistischer Geschichten. Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal brilliert in der Rolle eines verhaltensauffälligen Witwers. Wenn er dem einschnürenden Korsett seines Lebens zu Leibe rückt, gehen in den überraschenden Volten der Inszenierung auch einige populäre Klischees über das Wesen der Trauer zu Bruch.




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