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1001 Gramm
1001 Gramm
© Pandora Film Verleih, 2014

Kritik: 1001 Gramm (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der norwegische Regisseur Bent Hamer ist bekannt für seine ruhige Erzählweise, mit der er in der Regel zwischenmenschliche Beziehungen erforscht – in "Kitchen Stories" die Freundschaft zweier Männer, in "O’Horten" das Leben des gleichnamigen Bahnfahrers. Im Mittelpunkt seines neusten Films "1001 Gramm" steht mit Marie (Ane Dahl Torp) nun eine Wissenschaftlerin, deren Leben von Messgeräten bestimmt ist. Marie scheint ebenso kontrolliert zu sein wie die Geräte, die sie überprüft. Sie lässt kaum eine Gefühlsregung erkennen, sogar die Scherze mit ihrem Kollegen und Vater Ernst (Stein Winge) laufen nach bestimmten Mustern ab. Daher sind es die Bilder, die die in ihr tobenden Widersprüche ausdrücken: Wenn sie nahezu regungslos in ihrem Haus sitzt, das rein äußerlich durch klare, geometrische Formen besticht, oder allein in dem Doppelbett liegt, das Bettzeug nur auf einer Seite, wird die Einsamkeit deutlich, die sie empfindet, seit ihr Mann sie verlassen hat. Der ordentliche Vorgarten kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Marie verletzt, wenn sie wieder ruhig vor dem Haus wartet, dass ihr Mann ein weiteres Möbelstück aus dem Haus holt.

Nicht nur das Scheitern ihrer Ehe beschäftigt Marie, sondern ihr Vater erleidet zudem einen Herzinfarkt und muss ins Krankenhaus. Deshalb kann er nicht nach Paris reisen, um im Internationalen Büro für Maß und Gewicht (Bureau International des Poids et Mesures, BIPM) das norwegische Referenzkilo neu kalibrieren zu lassen. Das Kilogramm ist das letzte der sieben Grundmaßheiten, dass weiterhin mit einem physischen Referenzwert überprüft wird: dem sogenannten Urkilo aus dem Jahr 1889, bestehend aus 90 Prozent Platin und 10 Prozent Iridium. Jedoch droht auch hier ein Umbruch. Es bestehen Zweifel, ob diese physische Referenz genau genug ist oder ob auch hier wie bei Meter, Sekunde, Ampere, Kelvin, Mol und Candela Messungen im Labor vorgenommen werden sollten. Damit ist die Frage, ob das Referenzkilo vor der Kalibrierung gewaschen werden soll oder nicht, nicht mehr das grundlegende Thema, sondern auf der Konferenz in Frankreich wird ebenso diskutiert, welche Folge ein neues Verfahren haben könnte. Das Gewicht wird hiermit zu einem Symbol von Gleichheit.

Doch nicht nur das Kilogramm wird in Paris neu kalibriert, auch Marie erfährt eine Neuausrichtung in ihrem Leben, die mit wenigen Worten auskommt. Sie begegnet dem Gärtner Pi (Laurent Stocker), mit dem sie reden kann, und lässt nach ihrer Rückkehr nach Norwegen auch negativen Gefühlen freien Raum.

In den Bildern von Kameramann John Christian Rosenlund steckt sehr viel, zusammen mit dem ruhigen Schnitt und der Inszenierung von Bent Hamer entwickeln sie Rührung und viel Humor. Sie erlauben Einblicke in eine auf den ersten Blick ein wenig sonderbar anmutende Welt, ohne sich über sie lustig zu machen oder billigen Lachern preiszugeben. Auch aus Marie hätte sehr leicht eine Karikatur werden können. Dass wird jedoch durch Ane Dahl Torp und das Drehbuch verhindert, das sich genretypischen Entwicklungen und billigen Gags (mit einer Ausnahme am Ende) verweigert.

Fazit: "1001 Gramm" erzählt mit viel Ruhe und trockenem Humor von einer Wissenschaftlerin, die ihr Leben neu kalibrieren muss.




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