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Kritik: Nirgendland (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Kindesmissbrauch gehört zu den erschreckenden Tatsachen unserer Gesellschaft. Es wird von 300.000 Fällen pro Jahr ausgegangen. Hiervon wird jedoch nur ca. jeder 20. Missbrauch angezeigt, wovon widerum nur jeder fünfte Fall zur Verhandlung kommt. In Helen Simons Debütfilm "Nirgendland" verleiht Tina dem Unfassbaren ein Gesicht. Die erste Einstellung zeigt Tina, wie sie im Vorgarten ihres Bilderbuchhauses in einem bayrischen Biderbuchort Ostereier aufhängt. Der kahle Baum ist bereits ganz voll mit Eiern, denn "wenn es zu wenige sind, sieht es kitschig aus. Die Nachbarn, die vorbeikommen, erfreuen sich immer so an dem Anblick."

Tina ist es gewohnt, dass bei ihr nach außen hin alles denkbar normal und schön aussieht. Sie sagt, früher hätten ihre Freundinnen sie um ihre Eltern geneidet. Auch sie selbst war immer stolz auf ihren Vater und ihre Mutter gewesen. Tina wollte diese heile Welt so sehr, dass sie selbst daran geglaubt hat. Jahrelang hatte sie an weite Abschnitte ihrer Kindheit überhaupt keine Erinnerungen. Erst, als ihre eigene Tochter sich schließlich ihrer Mutter gegenüber offenbarte, fielen Tina selbst langsam die ersten Bruchstücke ihrer eigenen Missbrauchsgeschichte wieder ein. Eine lange Therapie hat nach und nach mehr dieser Bruchstücke zurück in Tinas Bewusstsein befördert.

"Nirgendland" ist auch der Titel eines äußerst bewegenden Liedes, das Tina an einer Stelle des Films vor Publikum singt. Es ist ihrer verstorbenen Tochter gewidmet, "aber es ist kein Kinderlied". Dieses "Nirgendland" ist eine Metapher für die grausamen Leerstellen im Leben von Tina und von Sabine. Ihr seelisches Überleben war jahrelang nur möglich durch Verbannung des Unglaublichen an einen Ort in ihrer Seele, der von ihrem restlichen Leben abgetrent war. Diese Verdrängung wurde auch vom Täter eingefordert. Dies geschah entweder in Form von Beschönigung ("Es ist doch nichts geschehn") oder in Form von massiven Drohungen ("Wenn du etwas sagt, bringt sich deine Mutter um").

Helen Simons Dokumentarfilm liefert keine Erklärungen für Taten, die unerhört sind. Wenn von diesen die Rede ist, erscheint das Bild von einem leeren Raum und aus dem Off ertönt eine neutrale Frauenstimme, die entsprechende Passagen der Zeugenaussagen aus dem Gerichtsprozess vorliest. Die Taten sind unbeschreiblich. Die Reaktionen des Gerichts sind es ebenfalls. Man kann deshalb leider nachvollziehen, weshalb Sabine anschließend Suizid beging. Auch die fatalen und komplexen Mechanismen der Verdrängung von Tina, Sabine und der Mutter bzw. Großmutter werden so gut dies möglich ist, freigelegt. - Es bleibt zu hoffen, dass ein Film wie "Nirgendland" dazu beiträgt, dass in Zukunft mehr Menschen die Anzeichen eines Kindermissbrauchs entdecken und dass diese Fälle anschließend erfolgreich zur Anzeige gebracht werden.

Fazit: "Nirgendland" ist ein wichtiger, ein äußerst erschütternder, aber auch ein sehr erhellender Film, der einen eigentlich unfassbaren Tatbestand greifbar macht.





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