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Top Girl oder La déformation professionnelle
Top Girl oder La déformation professionnelle
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Top Girl oder La déformation professionnelle (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Top Girl oder La déformation professionelle" ist im Gegensatz zu dem, was der Titel suggerieren mag, ein deutscher Film. Das essayistische Drama ist nach "Die flexible Frau" (2010) der zweite Teil von Tatjana Turanskyjs Trilogie über Frauen und Arbeit. Die Filmemacherin - die auch das Drehbuch geschrieben hat - interessiert sich bei "Top Girl" insbesondere für die Geschlechterrollen in einer postfeministischen Zeit und für die strukturelle Gewalt, die innerhalb der Prostitution besonders ungefiltert zu Tage tritt. Wie bereits ihren ersten Film "Die flexible Frau", kann man jedoch auch "Top Girl" über den engeren feminstischen Kontext hinaus als eine generelle gesellschaftliche Bestandaufnahme betrachten. Letzteres ist der Gesichtspunkt unter welchem "Top Girl oder La déformation professionelle" seine wahre Stärke offenbart.

Der Film zeigt unsere heutige neoliberale Konsumkulturwelt. In ihr verkommt der Mensch zu einem auswechselbaren Rädchen in einem zur Gewinnmaximierung optimierten Getriebe. Man betrachtet den Anderen als Ware, über den man bei entsprechender Bezahlung nach Belieben verfügen kann. Zugleich unterwirft man sich selbst sogar in seiner Freizeit einem allumfassenden Selbstoptimierungszwang. Das Ziel ist es seinen eigenen Warenwert zu steigern, um sich auf den verschiedenen Märkten wie Arbeitsmarkt oder Partnermarkt möglichst gut zu verkaufen. Die "professionelle Deformation" betrifft folglich nicht alleine Helena und ihre Kolleginnen beim Escort-Service. Sie betrifft ebenso ihre Kunden, die in ihrem Job ebenfalls zu reinen Objekten degradiert werden. Da verwundert es nicht, dass diese Geschäftsleute es genießen zu ihrer Entspannung nach Gusto über eine Prostituierte verfügen zu können, selbst wenn jene eine Domina ist.

Helena geht zu ihren Kunden, wie andere Frauen zum Putzen. Von keiner Seite gibt es den Versuch Romantik vorzutäuschen. Es herrscht ein nüchternener, sehr klarer Warenhandel. Ein Kunde bestellt "ganz normal GV mit anschließend ein wenig zusammen liegen". Auch Sonderwünsche werden routinemäßig erledigt, inklusive des anschließenden leicht gelangweilten Reinigens des Sexspielzeugs. Will jedoch jemand einmal mehr, als reinen Sex, wird er von Helena mit der Bemerkung "Zeit ist Geld" abgespeist. "Top Girl" zeigt eine völlig abgebrühte, gefühlkalte Gesellschaft, wie sie ähnlich bereits in Ryû Murakamis "Tokyo Decadenz" (1992) zu sehen war. Doch dort zerbrach die Protagonisten an ihrer Rolle. Helena ist hingegen nicht weniger kaltschnäuzig, als ihre Kunden. Sie wird noch zeigen, wie gut sie das System verstanden hat.

Fazit: "Top Girl" kommt als ein feministischer Film selten über ein grobgestricktes Pamphlet hinaus. Zugleich ist das Drama jedoch eine sehr komplexe und treffsichere Bestandsaufnahme unserer heutigen materialistischen Gesellschaft.





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