VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Wer rettet wen?
Wer rettet wen?
© Salzgeber & Co

Kritik: Wer rettet wen? (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm der Hamburger Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz ergreift Partei. Er teilt nämlich die allgemeine Auffassung nicht, dass die Sparauflagen, die Griechenland aufoktroyiert werden, ein notwendiges Übel sind, um Europa zu retten. Oder dass es zur deutschen und zur EU-Politik keine sinnvolle und machbare Alternative gibt. Der Film, der in verschiedenen Ländern wie Spanien, Irland, Island oder den USA gedreht wurde, ist mit Spenden von Organisationen wie Attac, Oxfam oder ver.di zustande gekommen. Einen Tag vor dem deutschen Kinostart wird der Film am 11. Februar 2015 zeitgleich in 150 europäischen Städten gezeigt.
Der Film untermauert seine These einer politischen Kapitulation vor der Macht der Banken mit Hilfe zahlreicher Experten aus Politik, Wirtschaft und Forschung. So stellt der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, fest: "Es ist geradezu das Geschäftsmodell der Banken, darauf zu setzen, dass im Krisenfall die Staatengemeinschaft zur Rettung herbeigerufen wird. In guten Zeiten macht man Gewinne, schüttet sie aus an die Aktionäre, das Geld ist weg. In schlechten Zeiten setzt man darauf, dass der Steuerzahler zur Hilfe kommt und die Verluste trägt." Das Verdienst dieses überaus informativen Films ist es, große Zusammenhänge plausibel aufzuzeigen, die in der öffentlichen Diskussion oft noch zu kurz kommen. Zum Beispiel, dass die spanischen Banken gerettet werden müssen, damit sie ihre Schulden bei ausländischen Geldhäusern bedienen können. Hinter der gigantischen Blase, die die Finanzkrise verursacht hat, steckt nach dieser frappierenden Beweisführung der Handel mit Derivaten, dessen Gesamtvolumen mittlerweile das Zehnfache des Bruttoinlandsprodukts aller Länder umfasst. Weil er von der Politik nicht reguliert wurde, hat sich der Finanzsektor längst von der realen Wirtschaft abgekoppelt, in deren Dienst er stehen sollte.
Eine Folge der Euro- und Finanzkrise ist der Sozialabbau in Ländern wie Griechenland und Spanien. Im Bildungs- und Gesundheitswesen greifen Privatisierungen um sich, so dass der Bürger für immer mehr Leistungen zahlen muss, die bislang jedem zugänglich waren. Am Ende des Weges könnte in vielen Ländern, auch bei uns, eine Entwicklung wie in Amerika stehen: Dort verschulden sich unzählige junge Menschen für ein Universitätsstudium so hoch, dass sie ein Leben lang daran zu tragen haben. So komplex die Materie auch ist, sie lässt den Zuschauer keineswegs kalt. Die globalen Systemzwänge sind erschreckende Realität, aber die in Spanien, Island und andernorts gefundenen Beispiele bürgerlicher und politischer Gegenwehr machen Mut.

Fazit: Der engagierte Dokumentarfilm plädiert für einen neuen Blick auf die Finanzkrise: Die europäischen Demokratien sollen sich aus den Systemzwängen befreien, die der allzu mächtige Bankensektor geschaffen hat. Der Film präsentiert sein hochaktuelles Thema bei aller Komplexität so anschaulich, dass es wohl niemanden kalt lässt.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.