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Geschichte der O.
Geschichte der O.
© Constantin Film

Kritik: Geschichte der O. (1975)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Am 11. Februar 2015 feiert die Verfilmung des ersten Teils des SM-Romans "50 Shades of Grey" auf der Berlinale seine Weltpremiere. E.L. James, die Autorin des überraschenden Bestsellers, wurde 2012 vom TIME Magazine zu einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt erklärt. Das ist ganz schön viel Rummel für einen Roman, der ursprünglich auf einer Fanseite zu Stephanie Meyers "Twilight Saga" veröffentlicht wurde. Im Zuge des unglaublichen Medienhypes um die Verfilmung des SM-Buches von einer Frau, die selbst keine Erfahungen im BDSM-Bereich hat, kommen jetzt weitere Filme mit sadomasochistischer Thematik ins Kino. Den Anfang machte der fast dokumentarisch anmutende "Remedy". Nun erlebt mit "Die Geschichte der O" ein bereits 40 Jahre alter Klassiker des erotischen Filmes seine Wiederaufführung.

Dass ausgerechnet dieser Erotikfilm von 1975 erneut in die Kinos kommt, ist durchaus folgerichtig. Tatsächlich haben "Die Geschichte der O" und "50 Shades of Grey" viel gemeinsam. In beiden Fällen handelt es sich um Verfilmungen ebenso bekannter, wie umstrittener Bücher zum Thema Sadomasochismus. Allerdings ist der von Dominique Aury 1954 unter dem Pseudonym Pauline Réage veröffentlichte Roman "Die Geschichte der O" schon lange ein anerkannter Klassiker der sadomasochistischen Literatur. Dahingegen ist "50 Shades of Grey" von einer Frau geschrieben, die keinerlei Ahnung von dem von ihr gewählten Thema hat. Trotzdem ist damit zu rechnen, dass auch die kommende Verfilmung ein großer finanzieller Erfolg werden wird. Das wäre widerum eine Gemeinsamkeit mit dem damaligen Publikumsliebling "Die Geschichte der O".

"Die Geschichte der O" war in den siebziger Jahren das, was "9 1/2 Wochen" in den 80ern war und was "50 Shades of Grey" wahrscheinlich für unsere Gegenwart werden wird: Der Film ist eine weichgespülte Mainstream-Version von BDSM, der schöne Bilder ohne große Tiefenwirkung auf die Leinwand gebracht hat. Der Regisseur ist der französische Modefotograf Just Jaeckin, der ein Jahr zuvor mit "Emmanuelle" einen kommerziellen Welterfolg und den Prototyp der 70er-Jahre-Weichzeichnungserotik geschaffen hat. "Die Geschichte der O" ist ein Erotikfilm, der viel Wert auf eine gepflegte Ausstattung legt. Zusätzlich sind die meisten Bilder mit einem rotstichigen Sepiafilter und mit einem starken Weichzeichner versehen. In den Hauptrollen erscheinen die sehr hübsche und bevorzugt unbekleidet auftretende Corinne Cléry ("Moonracker", 1979) als O, der stets streng dreinblickende Anthony Steel ("Winnetou 2. Teil", 1964) als Sir Stephen und ein seltsam blass bleibender Udo Kier ("Andy Warhols Frankenstein", 1973) als O's Freund René.

Während in Pauline Réages Buchklassiker das innere Erleben von "O" im Zentrum der Erzählung steht, konzentriert sich die Verfilmung auf die visuellen Oberflächenreize der Geschichte. In Rossy sieht man viele junge schöne Frauen in altertümlichen Gewändern und mit Halskette, die in den alten Gemäuern von den männlichen Ausbildern und Dienern abwechselnd ausgepeitscht und sexuell benützt werden. Spätestens, als später der bereits sichtlich reife Sir Stephen (Anthony Steel) zur zweiten Hauptfigur der Handlung wird, wirkt das Ganze wie eine von einem Herrenmagazin ein wenig auf kinky getrimmte Altherrenfantasie. Anstatt O's inneres Erleben wenigstens in dem fast durchgängigen Voice-Over unterzubringen, doppelt in jener ein neuraler Erzähler im wesentlichen das, was bereits auf der Bildebene vorhanden ist.

So schreitet die Handlung recht hübsch und recht gemächlich voran. Weder erfährt der Zuschauer viel über die feinen Veränderungen, die sich in O abzuspielen scheinen und die mit der Zeit eine radikale Verwandlung ihrer Persönlichkeit mit sich bringen, noch wird das Auge mit wirklich unangehnehmen oder gar schockierenden Details belästigt. Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem hierzu geradezu auffordernden Geschehen, geht der Filmemacher bewusst aus dem Weg. Eine solche findet man eher in dem im selben Jahr wie "Die Geschichte der O" entstandenem und von der selben literarischen Vorlage inspiriertem Porno-Chic-Klassiker "The Story of Joanna" von Gerard Damiano ("Deep Throat", 1972). Eine BIlderpracht ist "Die Geschichte der O" jedoch trotzdem und im Nachhinein wird der Film zudem zusätzlich durch sein 70er-Jahre-Flair aufgewertet.

Fazit: "Die Geschichte der O" ist eine alte Mainstream-SM-Literaturverfilmung, die viel schöne Bilder und viel 70er-Jahre-Flair, aber wenig inhaltliche Tiefe bietet.





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