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Kritik: Underdog (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Regisseur Kornél Mundruczó hat einen Film über Außenseiter gedreht. Als Professor, der seinen Lebensunterhalt in einem Schlachthof verdient, fühlt sich Dániel (Sándor Zsótér) an seinem Arbeitsplatz ebenso fremd wie seine Tochter Lili (Zsófia Psotta) in der Schule. Dort findet die 13-Jährige nur schwer Anschluss an andere Jugendliche. Der Obdachlose, der Lilis ausgesetzten Hund Hagen einfängt, steht bereits abseits der Gesellschaft. Der Trainer, an den Hagen schließlich gerät, ist auf dem Weg dorthin, verdient er sein Geld doch mit illegalen Hundekämpfen, die unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit stattfinden. Der größte Außenseiter ist jedoch Hagen selbst, der stellvertretend für alle herrenlose Hunde dieses Films steht.

Das Bild des Streuners, der ohne Nachweis seiner Reinrassigkeit, zum Ausgestoßenen wird, macht "Underdog" leicht erkennbar zur Parabel auf Victor Orbáns Ungarn, dessen Partei Fidesz gern einen nationalistischen Ton anschlägt und die Ungarn vom Aussterben bedroht sieht. Dementsprechend trennt Mundruczó seinen Film klar in zwei Welten. Auf der einen Seite stehen die Menschen, in deren Welt nur ungarische Hirtenhunde etwas zählen. Es ist eine Welt, in der die Nachbarn sich gegenseitig kontrollieren und Verstöße melden. Auf der anderen Seite stehen die getretenen Straßenköter, die kurz vor ihrer Einschläferung im Tierheim – bei der zur Beruhigung "Tom & Jerry"-Cartoons über einen Fernseher flimmern – unter Hagens Führung revoltieren. Als Mittlerin zwischen den Welten fungiert Lili. Selbst eine Außenseiterin versteht sie die Hunde nicht nur besser als alle Erwachsenen um sie herum. Lili scheint auch der einzig verbliebene Mensch, dessen Gefühle noch nicht völlig verhärtet sind.

Ebenso konsequent wie diese Zweiteilung geht Mundruczó seinen Film formal an. Im Handlungsstrang, der Hagens Schicksal vom ausgesetzten Straßenköter zum Kampfhund folgt, nimmt das Drama dessen Position ein. Marcell Révs sehr agile Kamera begibt sich auf Augenhöhe, zeigt das Geschehen wiederholt aus der subjektiven Sicht des Tieres. Sie begleitet Hagen, wie er eine viel befahrene Straße überquert, oder springt mit ihm während der Flucht vor den Hundefängern von Hausdach zu Hausdach und jagt durch Wohnungen. Mit verwackelten Bildern, hastigen Schwenks und Unschärfen erinnert "Underdog" hier an einen tierischen Actionfilm, Hagen an eine Hunde-Version eines Jason Bourne.

Ganz anders im großen Finale, das der Handlung in Ausschnitten bereits vorangestellt war, und hier noch wie eine Traumsequenz wirkte. Als Lili ein Rudel Hunde mit ihrem Fahrrad durch die verlassenen Straßen Budapests weg von den Menschen lenkt, bleibt die Kamera ruhig. Rév fängt die mehr als 200 Tiere, die sich wie eine Welle über die Straßen ergießen, glasklar, teils in Zeitlupe ein. Das hat etwas von einem Katastrophenfilm.

Immer wenn die Hunde agieren, ist "Underdog" am stärksten. Ihre Blicke und Gesten sind (be-)rührend. Die Massenszenen lassen einen – nicht zuletzt angesichts des logistischen und choreografischen Aufwands – staunen. Die Schauspieler können da nicht mithalten. Zwar schlägt sich Zsófia Psotta als Lili passabel. Die Erwachsenen sind hingegen eine Enttäuschung.

Enttäuschend ist auch "Underdog", je länger er dauert. Was als gleichnishafte Gesellschaftsstudie beginnt, driftet zusehends in eine krude Mischung aus Horror- und Katastrophenfilm ab. Durch einen übertrieben dramatisierenden Musikeinsatz und schlechte Effekte – wenn die Hunde etwa tödliche Rache an den Menschen nehmen – wird "Underdog" nicht nur unfreiwillig komisch, sondern zutiefst manipulativ. Durch die subjektivierte Inszenierung zwingt der Regisseur den Zuschauer auch während der Revolte, Partei für die Hunde zu ergreifen. Ein billiger Trick, der von langer Hand vorbereitet wurde. Spätestens hier stößt einem die herzerwärmende Vereinnahmung für Hagen & Co. aus der ersten Filmhälfte übel auf.

Was ebenfalls missfällt: Mundruczós Parabel ist mehr als schief. Wenn die Hunde für die Ausgegrenzten und die Abgehängten der ungarischen Gesellschaft stehen, wen repräsentieren dann die menschlichen Außenseiter? Und wozu hat es dann überhaupt einer Aufteilung in Hunde- und Menschenwelt bedurft? Nur um des Effektes willen angesichts der schön choreografierten Tierszenen? Hier lässt das Drehbuch die letzte Konsequenz vermissen. Und auch die Lösung, die "Underdog" bietet, greift zu kurz. So ist weder die blutige Revolution der Tiere besonders originell oder differenziert noch die reichlich simple, moralinsaure Moral von der Geschicht', mit der "Underdog" endet.

Fazit: Parabel, die vor allem durch ihre starken tierischen Akteure beeindruckt. Insgesamt läuft das Drama jedoch an zu vielen Stellen nicht rund und verkommt am Ende zu einem unausgegorenen Genremix mit allzu simpler Botschaft.




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