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Kritik: Körper (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Film trägt seinen Namen nicht von ungefähr. Dieses Drama zeigt, was Menschen ihrem Körper oder dem anderer antun - sei es, sich selbst das Leben zu nehmen, das Leben eines ungewollten Neugeborenen gewaltsam zu beenden, einen anderen zu ermorden, oder aber sich bis ins Krankenhaus zu hungern, Krieg gegen den eigenen Körper zu führen. Doch der Körper ist eine Sache, was ist mit der Seele? Wie viel von uns verschwindet wirklich aus dem Leben, aus dem der Zurückgelassenen? Halten ihre Erinnerungen die Toten lebendig? Oder lassen sie sich durch diese Erinnerungen an ihrem Leben behindern?

Regisseurin und Drehbuchautorin Malogorzata Szumowska ("Das bessere Leben") lässt in ihrem Film den Tod allgegenwärtig sein: Alle drei Hauptfiguren - der Untersuchungsrichter und seine magersüchtige Tochter Olga - sowie Anna, ihre Therapeutin, haben Verluste erlitten. Vor fünf Jahren ist Olga's Mutter gestorben; Anna's Sohn starb mit acht Monaten am plötzlichen Kindstod. Sie alle gehen unterschiedlich mit diesen Schicksalsschlägen um: Der Untersuchungsrichter trinkt zu viel Wodka, isst reichlich und schützt sich mit einer formalen Sicht auf die Welt. Die Tochter versinkt im Hass gegen ihren Vater, hungert, kotzt und versucht mehrmals, sich das Leben zu nehmen. Anna wiederum tröstet sich mit einem riesigen Hund, aber vor allem mit ihrer Arbeit als Medium, das Hinterbliebenen Nachrichten aus dem Jenseits vermittelt und so Trost spendet.

Die Stärke des Films ist seine Balance und Unaufgeregtheit. An keiner Stelle wird er effekthascherisch oder melodramatisch. Szumowska zeigt in einprägsamen Bildern und Momenten die Einsamkeit und Verlassenheit ihrer Figuren - aber auch ihre Fähigkeit, sich verändern zu wollen, indem sie Hilfe von anderen Menschen zulassen und sich auf andere einlassen. Anna, die ein Liebespaar im Hausflur belauscht und zusieht; der Richter, der ein Blatt Papier samt Stift in eine Schublade legt - in der Hoffnung, dass seine Frau ihm eine Botschaft aus dem Jenseits vermittelt; Olga, die so voller Wut auf eine Matte einschlägt, die ihren Vater darstellen soll, dass es ihre Therapeutin und eine Mitpatientin fast umhaut. Dabei wird nichts beschönigt, was den teilweise tristen und - im Falle von Anna und dem Untersuchungsrichter - auch belastenden Berufsalltag betrifft.

"Cialo" punktet darüber hinaus mit lakonischen Schwarzen Humor - die formidable Eröffnungsszene mit einem vermeintlich Erhängten, der zu Boden gelassen wird und, während sich Richter und Polizisten noch über den Todeszeitpunkt austauschen, einfach aufwacht, aufsteht und davon geht, ist ein hervorragendes Beispiel. Und stellt schon gleich die Fragen, die den ganzen Film durchziehen wird: Wer definiert den Tod? Was bestimmt die Sicht auf den Tod?

Malogorzata Szumowska wirft einen warmherzigen Blick auf ihre Figuren in einem Warschau der Bahnhofstoiletten, schäbigen Plattenbauten und Krankenhausflure und vermittelt, dass man tatsächlich "niemals alleine gehen wird", wie es am Ende mit "You'll Never Walk Alone" heißt. Ob es dazu der Toten bedarf? Warum nicht? Wenn es so bezwingend wie in diesem Werk geschieht.




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