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Kritik: Stockholm (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Machtkampf der Geschlechter ist das Thema dieses romantisch-dramatischen Kammerspiels aus Spanien. Es wurde von Rodrigo Sorogoyen inszeniert und unter anderem mit dem Publikumspreis des Spanischen Filmfests Berlin 2014 ausgezeichnet. Die Geschichte führt Wunsch und Wirklichkeit, Flirt und emotionale Bindung in einen Strudel mit unberechenbaren Folgen. Parabelhaft wird ein Szenario durchgespielt, das sich dem üblichen Ablauf eines One-Night-Stands widersetzt: Die Frau, das unbekannte Wesen, will die Regeln dieses Spiels nicht akzeptieren, denen zufolge die Worte und Gefühle der Nacht am Morgen keine Gültigkeit mehr haben.

Der Titel ist irreführend, denn lediglich in der Diskothek war anfangs von einer Frau die Rede, die nach Stockholm zieht. Es war ein Gespräch unter Männern, das den jungen Protagonisten bereits als Experten im Becircen von Frauen einführte. Wie er der langhaarigen Frau im weißen Kleid – das Symbolträchtige dieser Farbe stellt sich mit der Zeit immer stärker heraus – auf den nächtlichen Straßen folgt und sie umwirbt, kann schon als Stalking aufgefasst werden. Aber ein spanischer Macho weiß offenbar auch, dass nur der Hartnäckige zum Zug kommt. Tatsächlich gefällt der Frau sein Interesse, sein Humor, seine Empfindsamkeit. Die Gespräche vertiefen sich, reichern sich mit Gefühl an. Am Morgen zeigen beide jedoch ihr wahres Gesicht: Er distanziert sich praktisch reflexhaft und nun beginnt sie zu stalken, ruft Erinnerungen an Film-Psychopathinnen wach, aber auch an die Geschichten mit psychisch verletzbaren Mädchen, die dem Werben eines Egoisten Glauben schenkten. Interessant, wie anders das Insistieren auf den Zuschauer wirkt, wenn es von einer Frau ausgeht: Sie sei gekommen, um zu bleiben, sagt sie dem Mann, der sie unbedingt wollte. Jetzt aber erklärt er sie für "gruselig", weil er seine Bedürfnisse geändert hat.

Die meiste Zeit sind die beiden allein in dieser Nacht, selbst in den Szenen außerhalb der Wohnung. Vor dem ersten Kuss spitzt sich der Flirt musikalisch begleitet zu einer Art Tanzchoreografie zu – wie um die Zeitlosigkeit dieses Moments und auch seinen Eroberungscharakter zu betonen. Die beiden Figuren werden beeindruckend gespielt in ihrem Schwanken zwischen Offenheit und Zurückhaltung, Spaßbedürfnis und Verletzbarkeit. Vor allem das Verhalten der Frau bleibt jedoch allzu rätselhaft, hebt die Authentizität des Geschehens immer stärker auf, um es ins Grundsätzliche zu kehren. Die unklare Aussage des Films hat etwas Frustrierendes, was wiederum zu der Stimmung am Morgen passt, wenn die Lichter der Nacht verblassen.

Fazit: Das romantische Drama aus Spanien über einen nächtlichen Flirt mit unerwarteten Folgen widmet sich geschlechtlichen Rollenklischees und dem Machtkampf in Beziehungen. Atmosphärisch auf Wirklichkeitsnähe bedacht, schraubt sich das gut gespielte, aber auch merkwürdig rätselhafte Kammerspiel inhaltlich zur Parabel über Sein und Schein hoch.





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