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Kritik: Umrika (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der zweite Spielfilm des in Indien geborenen Kosmopoliten Prashant Nair ("Delhi in a Day") ist eine mit epischem Atem und großen Bildern erzählte Geschichte über das Fernweh. Mit viel Humor und auch einer guten Portion Nostalgie kreist sie um die Vorstellungen, die sich Menschen vom Leben in einem fremden Kulturkreis machen und die dafür sorgen, dass ein Land zum erträumten Sehnsuchtsort wird. In den achtziger Jahren heißt dieses Land für den jungen Inder Ramakant Amerika. Es übt mit seinen Wolkenkratzern und unerhörten Möglichkeiten auf ihn eine ähnlich starke Anziehungskraft aus, wie auf die europäischen Auswanderer vergangener Jahrhunderte. Das liegt hauptsächlich daran, dass Ramakant in einem kleinen Dorf lebt, in dem die Briefe des Bruders aus Amerika praktisch die einzige Verbindung zur großen weiten Welt sind.

Ramakant wächst im Schatten seines abwesenden Bruders auf, den die Mutter zur absoluten Lichtgestalt verklärt. Nach dem Tod des Vaters sehnt sie sich noch mehr nach ihm. Aus Liebe zur Mutter und in Sorge um sie bricht Ramakant nach Mumbai auf. Er hofft, dort über Bekannte eine Spur zum Bruder zu finden, denn seine Adresse in Amerika ist unbekannt. So erzählt der Film auch über ein Familiendrama, das mit überraschenden Wendungen aufwartet. Im Heimatdorf wächst Ramakant in einer heilen Welt auf, dann entdeckt er in der Großstadt eine konträre Realität, aber auch die Macht, manche Dinge ein Stück weit zu richten. Durch alle diese Themen ziehen sich Ramakants Fantasien von Amerika als humorvolle, schwärmerische Begleitmusik. So staunt zum Beispiel nicht nur er, sondern das ganze Dorf Bauklötze, wenn Udais Briefe von amerikanischen Bräuchen wie Halloween oder Frauenwrestling berichten. Die Menschen schmücken das Gehörte fantasievoll aus und liegen damit nicht selten, aber auf sympathische Art, falsch.

Nair schildert ein Dorfleben in Armut, aber mit fröhlichen, herzlichen Menschen. Auf ganz andere Weise quirlig geht es in Mumbai zu, mit seinen engen Gassen, den Begegnungen zwischen den wabenähnlichen Wohnungen, der Kriminalität. Sowohl mit der Verortung der Handlung in den achtziger Jahren, als auch mit den im Format Super 16 gedrehten Aufnahmen betont Nair die nostalgisch entrückte Stimmung. Die opulenten Bilder und der ruhige Erzählfluss entfalten einen ganz eigenen Zauber. Mit dem indischen Shootingstar Suraj Sharma ("Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger") verfügt der Film außerdem über einen Hauptdarsteller, dessen Charisma auch über spannungsärmere Momente hinwegträgt.

Fazit: Das mit epischem Atem erzählte indische Coming-of-Age-Drama von Prashant Nair huldigt der menschlichen Vorstellungskraft, die das Fernweh beflügelt. Die vielschichtige Handlung verbindet Themen wie Amerika-Klischees, Familienzusammenhalt und den Alltag auf dem Dorf und in der Großstadt. Der im positiven Sinn altmodische Film entfaltet mit seinem träumerischen Schwelgen in großen Bildern und seinem Humor originellen Charme.




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