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The Lady in the Van
The Lady in the Van
© Sony Pictures

Kritik: The Lady in the Van (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die englische Dramödie von Regisseur Nicholas Hytner ("Die History Boys – Fürs Leben lernen") wurde vor und in dem Londoner Haus gedreht, in dessen Einfahrt von 1974 bis 1989 eine obdachlose Frau in ihrem Kleinbus lebte. Der Schriftsteller Alan Bennett, zugleich Drehbuchautor dieses Films, hat eine Geschichte über seine Bekanntschaft mit Miss Shepherd geschrieben und auch ein Theaterstück. Darin spielte Maggie Smith bereits die Rolle der geheimnisvollen alten Frau, die sich vom Schicksal nicht unterkriegen ließ. Der ungewöhnliche Film über die holprige Freundschaft zweier sehr verschiedener Menschen ist Drama und Komödie zugleich. Seine Atmosphäre ist durchdrungen von trockenem britischen Humor, der sich als immun gegen Rührseligkeit, Mitleid und Kitsch erweist.

Die sarkastische, unfreundliche, stolze und wortgewaltige Miss Shepherd ist eine Paraderolle für Maggie Smith. Eingehüllt in zusammengeklaubte Kleidung, nach dem Urteil der Passanten streng riechend, breitet die Obdachlose rund um ihren Kleinbus prall gefüllte Plastiktüten aus. Wenn mildtätige Nachbarn ihr etwas zu essen bringen, gibt sie sich undankbar, wenn Kinder Flöte spielen, macht sie das aggressiv. Auch Alan Bennett kommt schnell in den Genuss ihrer ambivalenten Haltung: Einerseits spannt sie ihn gerne für ihre Zwecke ein, andererseits aber verbittet sie sich jegliche Einmischung in ihre Angelegenheiten, und das mit einer britischen Vornehmheit, die sogar einen Polizisten in Schach halten kann. Im Gegensatz zu Alan wissen die Zuschauer von Anfang an, dass ein Autounfall Miss Shepherd aus der Bahn warf, aber wie der Film später zeigt, gab es in ihrem Leben noch weiteres Leid. Dem unscheinbaren Alan, einem ergrauenden Muttersöhnchen, tut die Bekanntschaft mit der lebhaften Miss Shepherd gut, sie lockt ihn aus seinem Schneckenhaus.

Alan ist kein Samariter, ebenso wenig wie seine Nachbarn, die Miss Shepherd neugierig, vielleicht auch mit Wohlwollen, aber vor allem mit höflich kaschierter Abscheu beäugen. Alan ekelt sich vor ihrem Gestank und Schmutz, aber er erträgt ihre Nachbarschaft dennoch wie selbstverständlich. Voller Ironie registriert er Miss Shepherds manipulative Tricks, ihre Schrullen und Eigenwilligkeit, aber auch seinen Wunsch, Distanz zu wahren. Fast jede Dialogzeile ist erfüllt von dem humorvollen Clinch, im dem sich Alan mit der anstrengenden Miss Shepherd und mit sich selbst befindet. Obwohl er sich so unbeschwert gibt, fehlt es dem gut gespielten Film keineswegs an Tiefgang und Herz.

Fazit: Ein steifer Londoner Junggeselle lässt eine obdachlose Frau 15 Jahre lang in seiner Hauseinfahrt in ihrem Kleinbus wohnen. Maggie Smith spielt die dickschädelige, stolze Alte, die seine Mutter sein könnte, mit Biss und frei von Selbstmitleid. Der trockene britische Humor, der sich jeder Rührseligkeit widersetzt, verwandelt die auf wahren Ereignissen basierende Geschichte einer Freundschaft in eine vergnügliche Komödie mit Tiefgang.




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