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Das brandneue Testament
Das brandneue Testament
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Kritik: Das brandneue Testament (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Gott (Benoît Poelvoorde) wohnt in Brüssel, liebt es, die Welt zu drangsalieren, und hat eine aufgeweckte Tochter. Schon die Prämisse des neuen Spielfilms von Jaco Van Dormael ("Mr. Nobody") birgt einiges an originellem Potenzial und lässt eine abgedreht-respektlose Filmsause vermuten. Gläubige Menschen dürften sich an den zahlreichen religiösen Spitzen und Verballhornungen stoßen, sollten aber auch die zutiefst menschliche Botschaft anerkennen, die "Das brandneue Testament" bei aller Provokation vermittelt. Im Kern geht es dem Regisseur und seinem Drehbuchkompagnon Thomas Gunzig nämlich um das, was uns die Bibel lehrt: bedingungslose Liebe.

Ea, die von Pili Groyne umwerfend verkörpert wird, rebelliert gegen die Tyrannei ihres Vaters und will den arg gebeutelten Erdenbewohnern Hoffnung und Lebensfreude zurückgeben. Die Pfeiler ihrer ehrbaren Mission sind die Geschichten von Aurélie (Laura Verlinden), Jean-Claude (Didier De Neck), Marc (Serge Larivière), François (François Damiens), Martine (Catherine Deneuve) und Willy (Romain Gelin). Sechs vollkommen unterschiedliche Menschen, die allerdings eine Gemeinsamkeit teilen. Sie alle stecken in einem Dasein fest, das sie zunehmend unglücklich macht.

Gemeinsam mit Ea und ihrem Begleiter Victor (Marco Lorenzini), der als Chronist des neuen Testamentes fungiert, tauchen wir ein in eine Welt voller Ängste, Neurosen, Obsessionen und unerfüllter Träume. Vieles ist dabei überzeichnet, etwa die Liebe der frustrierten Unternehmergattin Martine zu einem Gorilla – und doch schafft es Van Dormael immer wieder, echte Emotionen zu wecken. Was umso mehr erstaunt, wenn man bedenkt, dass der Film gespickt ist mit assoziativen Spielereien und visuellen Extravaganzen, die an manchen Stellen vielleicht etwas ausufernd geraten. Führt man sich jedoch vor Augen, wie oft wir im Kino mit konventionellen Bildern und billigen Klischees abgespeist werden, ist der überbordende Ideenreichtum des belgischen Regisseurs absolut begrüßenswert.

Allen surrealistischen Einfällen zum Trotz hat die Geschichte eine klare Stoßrichtung und ist noch dazu, nicht zuletzt dank der optischen Ausschweifungen, unglaublich komisch. Die witzigsten Momente hat ausgerechnet Gott, der weit entfernt ist von einem gütigen Weltenlenker. "Das brandneue Testament" zeichnet ihn als patriarchalischen Misanthropen, dem jede Gemeinheit recht und billig ist, sofern er sich auf diese Weise seine Langeweile vertreiben kann. Zu Beginn sehen wir, wie der Schöpfer in seinem muffigen Büro vor einem alten Computer hockt und mit diebischer Freude Gesetze aufstellt, die den menschlichen Alltag erschweren. Wer sich schon immer gefragt, warum das Marmeladenbrot stets auf die Marmeladenseite fällt, oder weshalb man sich jedes Mal in die Supermarktschlange stellt, die am langsamsten vorankommt, findet hier einfache wie amüsante Antworten. Turbulent wird es spätestens dann, als Gott beschließt, seine entlaufene Tochter nach Hause zu holen, und sich daher selbst unter die Menschen mischt. Momente, die wunderbare Situationskomik bieten. Und auf die Van Dormael gerne häufiger hätte zurückgreifen dürfen. Überdurchschnittlich unterhaltsam ist seine skurrile göttliche Komödie aber auch so!

Fazit: Mit "Das brandneue Testament" entfacht der Belgier Jaco Van Dormael einen abgedrehten, stellenweise urkomischen Bilderrausch, der religiöse "Wahrheiten" durch den Kakao zieht, bei aller Verspieltheit jedoch eine zutiefst menschliche Botschaft vermittelt.





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