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Geschenkt wurde uns nichts
Geschenkt wurde uns nichts
© Make Shift Movies

Kritik: Geschenkt wurde uns nichts (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Dokumentarfilm von Eric Esser ist nur 58 Minuten lang, aber er taucht tief in die Zeit der Partisanenkämpfe in Italien von 1943 bis 1945 ein. Obwohl Frauen in der Widerstandsbewegung eine wichtige Rolle spielten, wurde ihr Einsatz nach dem Krieg weniger anerkannt und gewürdigt, als derjenige der Männer. Esser ist es praktisch in letzter Minute gelungen, eine ehemalige Partisanin und zwei ihrer Kameradinnen vor die Kamera zu holen. Annita Malavasi, die mit 22 Jahren zur Resistenza stieß, Gina Moncigoli und Pierina Bonilauri starben unabhängig voneinander in hohem Alter Ende 2011. Ihre hier festgehaltenen Erzählungen bilden ein wertvolles und bewegendes historisches Dokument für die Nachwelt.

Annita Malavasi schildert sehr lebhaft, wie sie mit dem Fahrrad Pistolen transportierte und in Sichtweite deutscher Soldaten stürzte. Sie eilten hilfsbereit herbei, so dass sie etwas von Medikamenten für die Mutter stammelte, um schnell wegzukommen. Die Soldaten hätten sie, das war ihr klar, nach einem Blick in ihr Gepäck wohl erschossen. Frauen konnten sich im Gegensatz zu Männern während der deutschen Besatzung relativ frei bewegen, und mit dem Rad ließen sich Straßensperren umgehen. Also fungierten Tausende wie Annita Malavasi als Kuriere für Kampfgruppen und in den Bergen versteckte Angehörige. Die resolute Frau lebte sogar über ein Jahr in der Wildnis des Apennin, um bei den Partisanen zu kämpfen, wo sie den Rang eines Feldwebels innehatte.

In manche Erzählungen fließt Humor ein, in anderen wird große Trauer spürbar. Annita Malavasi verliebte sich in einen 21-jährigen Partisanen, der starb, bevor sein Wunsch nach sexueller Erfahrung in Erfüllung ging. Obwohl den Frauen das Erlebte noch sehr präsent ist, sprechen sie ohne Hass über die feindlichen Soldaten. Bei Annita Malavasi mischt sich auch das Thema der Emanzipation in die Schilderungen: Den Männern bei den Partisanen gleichgestellt zu sein, bestärkte sie in ihrem Wunsch, sich nach dem Krieg ein eigenständiges Leben aufzubauen. Statt eine Familie zu gründen und im Schatten eines Mannes zu stehen, wie es der Normalbiografie einer Frau damals entsprach, ging sie lieber in die Politik.
Stilistisch ist Essers Film geradezu karg – man sieht ihm an, dass er, abgesehen von einem Fondsbeitrag der Hans-Böckler-Stiftung, keine Gelder zur Verfügung hatte. Bis auf wenige Archivaufnahmen konzentriert er sich völlig auf die Erzählungen Annita Malavasis und die Besuche bei den anderen beiden Frauen. Das verleiht dem Film die typische Qualität der Oral History: Er ist emotional und ungefiltert, verknüpft harte Fakten mit persönlichem Erleben, das weit über die thematische Beschränkung geschichtlicher Bücher hinausgeht.

Fazit: Drei ehemalige Partisaninnen erzählen über ihre Erlebnisse im 2. Weltkrieg. Aufgrund der lebhaften Erinnerung der Hauptprotagonistin und ihrer Offenheit entsteht ein spannendes Dokument mündlich überlieferter Geschichte – quasi in letzter Minute, denn die Zeitzeuginnen sind mittlerweile verstorben.




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