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Electroboy
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© dejavu filmverleih

Kritik: Electroboy (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eine so schillernde Persönlichkeit wie Florian Burkhardt trifft man nicht alle Tage. Als er Supermodel bei Marken wie Gucci und Prada ist, ziert sein Konterfei Plakate und Hochglanzmagazine. Später berichten die Zeitungen über seine Erfolge als Partyveranstalter. Sein Agent in Hollywood bekommt Tränen in die Augen, wenn er an ihn denkt. Burkhardt muss sich irgendwann in der psychiatrischen Universitätsklinik von Zürich behandeln lassen, Diagnose "Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur". Wenn er seine Wohnung in Bochum verlässt, um mit dem Hund Gassi zu gehen, ist jeder Schritt im Voraus geplant, die Gefahr mühsam auf ein gerade noch erträgliches Maß reduziert. Der Dokumentarfilm von Marcel Gisler ist ein spannendes Porträt eines hochbegabten, innerlich zerrissenen Menschen und eine Psychostudie, die sich von den Rätseln der individuellen Gefühlswelt faszinieren lässt.

Es beginnt wie die Geschichte eines Hochstaplers: Florian Burkhardt und ein Schweizer Mentor, der ihn im Glauben an seine Talente finanziert, erfinden sich als ein preisgekrönter Jungschauspieler und sein Agent. In Wahrheit hat Burkhardt gerade eine Ausbildung zum Primarlehrer absolviert, als er Mitte der 1990er Jahre nach Hollywood geht. Dort findet er sofort einen Agenten, der Feuer und Flamme für ihn ist. Auch der Modelagent Urs Althaus, der wenige Monate später seinen kometenhaften Aufstieg zum internationalen Topmodel begleitet, preist ihn immer noch in den höchsten Tönen und mit diesem Ausdruck fassungslosen Bedauerns, den Burkhardt auslöst, wenn er dann abrupt alles stehen und liegen lässt und niemals wiederkehrt. Das Wort Hochstapler passt also doch nicht zu diesem charismatischen Multitalent, das auch künstlerische Erfolge im Internet und in der Technoszene – als "electroboy" - feiert. Aber nichts kann ihn auf Dauer halten – außer die Angststörung, die ihn noch in seinen Zwanzigern ereilt.

Der Film vertieft sich immer mehr in die Abgründe von Burkhardts gutbürgerlichem Elternhaus. Dabei entwickelt er eine hervorragende narrative Dramaturgie, die bis zum Schluss mit neuen Überraschungen aufwartet. Gisler scheint selbst in einen emotionalen Bann zu geraten. Seine Fragen an die Eltern, die Mentoren legen das nahe, und die Dinge, die er ihnen als Vermittler und Provokateur über Burkhardt zuträgt. Vielleicht löst er sogar selbst unbeabsichtigt die Entwicklung im Elternhaus aus, die am Ende praktisch die Regie im Film übernimmt. Bei alldem wirkt interessanterweise jeder der hier Beteiligten aber wie eine Insel im Sturm ungelöster Beziehungsrätsel.

Fazit: Der Dokumentarfilm des Schweizers Marcel Gisler ist ein faszinierendes psychologisches Porträt des hochtalentierten Florian Burkhardt, der in jungen Jahren mehrere Karrieren spontan beendet. Die spannende Filmdramaturgie legt nach und nach die familiären Hintergründe für die existenzielle Krise frei, in die der Protagonist schlittert, ohne ihre menschlichen Rätsel preiszugeben.





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