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Der Sommer mit Mam
Der Sommer mit Mam
© Pandora Film

Kritik: Der Sommer mit Mamã (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Brasilien im Wandel: Einst klar voneinander abgegrenzte Gesellschaftsschichten vermischen sich. Bildung ist der Motor, der das fünftgrößte Land der Erde in Bewegung versetzt. Regisseurin Anna Muylaert erzählt diese schleichende Revolution am Beispiel von Mutter und Tochter. Die Alte, Val (Regina Casé), steht für das traditionelle Klassensystem, das sie nicht zu überwinden wagt. Die Junge, Jéssica (Camila Márdila), begehrt dagegen auf. Eine Familiengeschichte mit Zündstoff.

Val kennt ihren Platz. Mit der Familie, für die sie seit über einem Jahrzehnt arbeitet, sitzt sie niemals gemeinsam am Tisch. Vater Carlos (Lourenço Mutarelli) und Mutter Bárbara spricht Val respektvoll als Herr und Herrin des Hauses an. Der Pool im Garten ist für Bedienstete ebenso tabu wie das Lieblingseis des 17-jährigen Sohns Fabinho (Michel Joelsas). Vals Reich ist die Küche. Dort verweilt der Zuschauer mit ihr, während die Wohlbetuchten im angrenzenden Zimmer zu Abend essen, oder blickt ihr bei der täglichen Arbeit über die Schulter. Anna Muylaert entscheidet sich in diesen ersten Minuten ihrer Komödie für einen eng begrenzten Kamerablick, der dem Zuschauer den eng begrenzten (Lebens-)Raum einer Unterprivilegierten vor Augen führt.

Dieser Blick weitet sich erst, als Vals Tochter Jéssica die Bühne betritt und mit ihrer forschen, ungezwungenen Art die Hierarchie im Haus ins Wanken bringt. Von förmlichen Anreden hält sie herzlich wenig, Tabus kennt sie keine. Jéssica belebt eine Familie, in der jeder vor sich hin und für sich selbst lebt und zeigt deren Mitgliedern: Wohlstand und Privilegien können auch eine Last sein. Das stößt besonders Dona Bárbara übel auf, die Jéssica postwendend übel mitspielt. Während die eine Familie zerbricht, wird die andere wiedervereinigt. Für Val bedeutet Jéssicas Erscheinen die lange ersehnte Chance zur Versöhnung. Fern von den Lieben machte das sauer verdiente Salär auch die Haushälterin nicht glücklich.

"Der Sommer mit Mama", der im Panorama der Berlinale 2015 den Publikumspreis erhielt, ist eine ebenso feinfühlige wie erfrischende Komödie. Regisseurin Anna Muylaert bringt den Wandel der brasilianischen Gesellschaft nicht laut polternd, sondern mit einem ausgezeichneten Ohr für die Zwischentöne auf die Leinwand. Camila Márdia ist eine Entdeckung. Regina Casé trägt diesen Film mit Würde, Witz und Weisheit. Sie weiß das Publikum zu jeder Zeit auf ihrer Seite. Wenn Val die kleinen Freuden des Alltags – von der kurzen Verschnaufpause in der Sonne bis zum stillen Triumph, als Jéssica die Aufnahmeprüfung für die Universität besteht, während Fabinho scheitert – auskostet, hüpft auch dem Zuschauer das Herz ein wenig höher.

Fazit: Regisseurin Anna Muylaert ist eine komische, manchmal traurige, vor allem aber warmherzige Komödie über die brasilianische Gesellschaft geglückt. Neben den präzisen Beobachtungen eines Landes im Wandel, die die Filmemacherin in eine ebenso präzise Formensprache bringt, sind die Darsteller – allen voran Regina Casé – der große Trumpf dieses Films.




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