VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Heil (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Darf man über Neonazis wirklich lachen, wird der Regisseur Dietrich Brüggemann (Tom Lass) in einer Talkshow gefragt. Er antwortet so, wie sich das für solche Runden geziemt: Ja, aber das Lachen muss im Halse steckenbleiben. Diese Persiflage-Szene ist Teil der Handlung von "Heil", der neuesten Komödie von Brüggemann, in der das Lachen nur manchmal im Halse steckenbleibt. Die überdrehte Satire selbst nimmt nämlich so gut wie überhaupt keine Rücksicht auf politische Korrektheit, sondern demaskiert vielmehr das Formelhafte daran.

In dieser Geschichte wimmelt es nur so von Nazis: Der Parteipolitiker Sven träumt allen Ernstes von einer Revanche gegen Polen, als hätte Deutschland im Zweiten Weltkrieg nur die erste Runde verloren. Die Rolle bietet Benno Fürmann einen Paradeauftritt als Redner, der irgendwo im deutschen Wald steht und die Volksstämme voller Inbrunst aufruft, in den Kampf zu ziehen: "Ihr aus den Bergen!" usw. Sein Stellvertreter Kalle (Daniel Zillmann), ein typisch tumber, glatzköpfiger Schläger, möchte aber gerne selbst Anführer werden. Außerdem gibt es eine einflussreiche Gruppe traditionsbewusster Jäger und rechte Kameradschaften in diversen Städten. In Prittwitz aber wird der unerschrockene Polizist Sascha vom SPD-Bürgermeister strafversetzt: Es soll nur ja nicht der Eindruck entstehen, es gebe im Ort eine braune Gefahr.

Kaum dass Sebastian Klein Prittwitzer Boden betritt, will die Polizei seinen Ausweis kontrollieren. Die Diskriminierung leugnen die Beamten mit zynischem Unterton. Solche Situationen, wie sie wohl jeder schon mal im Alltag beobachtet hat, werden hier mit ungewohnter Direktheit kenntlich gemacht. Eine herrliche Persiflage gilt den skandalösen Ermittlungen in der NSU-Mordserie: Neonazis ballern im Kiosk eines Migrantenpaars herum, aber die Polizei weigert sich danach trotz Hinweisen beharrlich, an einen rechtsradikalen Hintergrund zu glauben.

Die temporeiche Handlung springt munter zwischen verschiedenen Schauplätzen und ihren Protagonisten, deren Kreise bis zum Finale immer enger werden. Dabei bekommen auch andere Phänomene ihr Fett weg, von den Schwierigkeiten eines Elternpaars, sich mit der Kinderbetreuung abzuwechseln, bis zum formelhaften Sprechen in Fernseh-Talkshows. Brüggemann, der schon in "3 Zimmer/Küche/Bad" bewies, wie vergnüglich er den Zeitgeist beobachten kann, sollte allerdings aufpassen, dass er sein Talent innerhalb einer Geschichte nicht beliebig streut, sondern sich zielstrebigen Biss bewahren. Glücklicherweise gibt es in diesem frechen Ausnahme-Film davon noch genug.

Fazit: Dietrich Brüggemann führt in seiner köstlich frechen Satire die rechtsextreme Szene ebenso vor wie die gesellschaftlichen Rituale sprachlicher Korrektheit. Mit verblüffender Offenheit wird die gar nicht seltene Tendenz, das rechte Auge zuzukneifen und schwierige Themen zu meiden, attackiert.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.