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Kritik: The Tribe (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"The Tribe" ist eines der untypischsten filmischen Werke des Jahres, vielleicht sogar eines der außergewöhnlichsten Dramen der letzten Jahre: das Debüt des 40-jährigen ukrainischen Regisseurs Myroslav Slaboshpytskiy kommt komplett ohne Worte aus. Die einzige Form der Kommunikation ist Gebärdensprache, weshalb der Film für alle hörenden Zuschauer schlicht stumm erscheint. Das bricht mit jeglichen Seh- (und vor allem) Hörgewohnheiten und wirkt zunächst oft irritierend und befremdlich, sorgt aber auch dafür, dass man sich voll und ganz in diese Welt der Stille und Entschleunigung hineinversetzen kann. Der Film wurde seit seiner Weltpremiere 2014 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter drei Auszeichnungen der Semaine de la Critique beim Festival in Cannes.

Dass es in dem Gehörlosen-Internet hart zur Sache geht und die Umgangsformen andere sind, als es die Hauptfigur Sergey bisher gewohnt war, machen schon die ersten Szenen und Minuten des kompromisslosen Dramas deutlich. Da nehmen sich Schüler ungefragt in der Kantine das Essen anderer, spucken sich in selbiges oder werfen sich unentwegt strenge, sich ständig beobachtende und observierende Blicke zu. "The Tribe" ist ein harter, konsequent-schonungsloser Film, dessen Gewaltdarstellungen zwar selten blutig oder grenzüberschreitend, aber - vor allem in der ersten Filmhälfte - nahezu allgegenwärtig sind, vor allem die Prügel-und Kampfszenen, in denen sich die Grabenkämpfe innerhalb der brutalen Gang manifestieren.

Durch das Fehlen jeglicher musikalischer Untermalung und gesprochener Sprache wirken diese Szenen zumeist wie Theater, fast Pantomime, wie besonders aggressives, grimmiges und harsches Theater jedoch. Denn das ja das Besondere an Gebärdensprache und der Art und Weise, wie die Kommunikation unter Gehörlosen auf die Hörenden oft wirkt: in einem Moment noch zart und beruhigend, kann sie im anderen Augenblick aufgrund der Härte und Geschwindigkeit der Bewegungen und Gesten, offensiv, provozierend und einschüchternd wirken. Mitunter schwer zu ertragen sind jene Momente, in denen die jungen Zuhälter die unschuldigen Mädchen zur Prostitution zwingen und sie zu den Freiern, allesamt widerlich-abstoßende, oft fettleibige Trucker bzw. LKW-Fahrer, in die Fahrerkabine geleiten.

Ein auffälliges stilistisches Merkmal, dessen sich der Regisseur bedient, ist zudem, dass er ohne viele Schnitte arbeitet und die meisten der Szenen am Stück direkt in einer Einstellung realisiert bzw. gedreht hat. Ohne Rücksicht hält die Kamera auf die gewaltsamen, stürmisch-wütenden Geschehnisse. Aber es gibt auch emotional-ergreifende, wunderschöne Momente der Sinnlichkeit und Erotik, etwa, wenn Sergey mit Anna die (körperliche) Liebe entdeckt. Nur ein kleines Problem hat der Film: er ist mit 130 Minuten schlichtweg zu lang, wodurch sich im wahrsten Sinne auch anstrengende Längen und leichte Abnutzungserscheinungen einstellen. Zumal sorgt die ständige Stille dafür, dass der Zuschauer mit noch mehr Durchhaltevermögen und Konzentration bei der Sache bleiben muss, hat er letztlich ja nur Gesten und nonverbale Kommunikation, um dem Geschehen folgen zu können.

Fazit: Gleichsam beeindruckendes Filmexperiment wie beklemmendes Drama von ungeheurer, aggressiver Wucht, das komplett in Gebärdensprache realisiert wurde und in dem kein einziges Wort gesprochen wird.




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