VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Die Schüler der Madame Anne
Die Schüler der Madame Anne
© Neue Visionen

Kritik: Die Schüler der Madame Anne (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Film der Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar hat zwar die Form eines fiktiven Dramas, aber auch eine große Nähe zum Dokumentarischen. Das liegt schon an seinem Drehbuch, das auf den schulischen Erinnerungen des jungen Co-Autors Ahmed Dramé basiert. Er besuchte 2009 am Gymnasium von Créteil eine berüchtigte 11. Klasse. Im Film spielt er sein Alter Ego Malik, der von einer Kino-Karriere träumt. Seine Mitschüler werden von jugendlichen Laiendarstellern gespielt, die zum Teil selbst das Gymnasium in Créteil besuchten. Der Film zeigt beispielhaft, wie wichtig Pädagogen für die soziale Integration von Kindern sind, die aus Migrantenfamilien stammen und in Problemvierteln aufwachsen.

Anne Gueguen ist eine dieser Lehrkräfte, die ihren Schülern das Gefühl geben, respektiert zu werden. Sie lässt sich auf ihre Meinungen und Sichtweisen ein, ohne sich ihnen anzuschließen. Sie fordert und fördert – und wird von den Heranwachsenden ernst genommen. Malik und seine Klassenkameraden verstecken hinter ihrer lustlosen, aggressiv ablehnenden Haltung sowohl mangelndes Selbstvertrauen, als auch ein großes Interesse an Bildung, das nur darauf wartet, angeschubst zu werden. Die Lehrerin greift auf den freiwilligen Schulwettbewerb zurück, um die Jugendlichen aus ihrem Schneckenhaus herauszulocken. Die Beschäftigung mit dem Holocaust führt die Schüler an ein historisches Kapitel heran, das auch Kinder aus ihrer Umgebung betraf. Es zeigt ihnen, dass Rassismus und soziale Ausgrenzung bis zum Völkermord gehen können. Was sie erfahren, wappnet sie gegen aktuelle antisemitische Tendenzen in der Gesellschaft. So leistet der Film auch einen wichtigen Appell für religiöse und kulturelle Toleranz, in einer Zeit, in der sich Juden in Frankreich oft nicht mehr sicher fühlen. Den emotionalen Höhepunkt bildet der Besuch eines Holocaust-Überlebenden in der Schulklasse: In dieser Rolle spielt sich Léon Zyguel, der oft mit jungen Leuten über seine Erlebnisse im KZ Buchenwald spricht, selbst.

Die vielen ethnischen und kulturellen Konflikte, die die Schüler im Alltag haben, würden schon allein einen Film füllen, werden hier aber nur gestreift. Die individuellen Entwicklungen sind zwar im Ergebnis gewaltig, kommen aber zu wenig als Prozess zum Vorschein. Allzu oft beschränkt sich die Inszenierung darauf, in den jungen Gesichtern nach Betroffenheit zu forschen. Dabei wird viel zu dick aufgetragen, selbst die Lehrerin ist vor Momenten behaupteter Rührung nicht gefeit. So verspielt der Film, gerade auch weil er es so gut meint, einen Teil seines Potenzials.

Fazit: Das auf einer wahren schulischen Geschichte basierende Drama handelt von einer Problemklasse in der Pariser Banlieue, die von einer engagierten Pädagogin zum Lernen motiviert wird. Trotz seines Realitätsbezugs lässt sich der Film von seinen guten Absichten forttragen und sucht wiederholt Zuflucht in Gesten der Betroffenheit, statt auf die Glaubwürdigkeit der Charaktere zu achten.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.