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Kritik: Kleine graue Wolke (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Sabine Marina ist eine besonnene junge Frau. Aber als sie die Diagnose Multiple Sklerose erhält, gerät ihr ganzes Selbstbild ins Wanken. Auf einmal merkt sie, wie selbstverständlich es immer für sie war, gesund zu sein. Nun aber hat sie Angst, irgendwann im Rollstuhl zu landen. Schon jetzt, während ihre Symptome gering und für andere nicht sichtbar sind, registriert sie besorgt Signale sozialer Ausgrenzung. Mit großer Offenheit dokumentiert sie in diesem Film ihre ersten Orientierungsversuche und die dramatischen Schritte auf einem neuen, selbstbestimmten Weg.

Sabine Marina fühlt sich, als würde sie durch die Wildnis stapfen. Sie muss sich Wissen aneignen, zum Beispiel über Medikamente, zu Untersuchungen gehen, die Angst machen. Da ist die Kränkung, nicht mehr so weit laufen zu können wie früher, die jede Freude über all das, was noch so gut möglich ist, überschattet. Aber sie tut instinktiv das für sie Richtige, indem sie den Austausch mit anderen Betroffenen sucht. Eine Frau, die es geschafft hat, sich aus dem Rollstuhl zu befreien, sagt in einem Seminar, man dürfe die Verantwortung für seinen Körper nicht abgeben. Sabine Marina lernt zwei berufstätige, alleinerziehende Mütter kennen, die voll im Leben stehen und sich dennoch intensiv mit ihrer Schwäche und der Ungewissheit auseinandersetzen. Hier verschieben sich auch beim Zuhörer die Maßstäbe für das, was als stark gilt, Sensibilität und Kraft erscheinen nicht mehr als Gegensatz. Ein Ehepaar unterstützt sich im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit gegenseitig, zeigt sich zufrieden über die dem Alltag abgetrotzten Siege, lässt aber auch Trauer und Schmerz zu. Die Freunde, sagen beide, sind rar geworden.

Ein schönes Bild für die Ambivalenz, die Unsicherheit, die Sabine Marina beschäftigt, ist ihr liegender Körper im Watt bei Ebbe, besudelt vom Schlick, ausgeliefert – vielleicht aber auch mitten in einem sinnlichen Abenteuer, auf einer Expedition zu den Elementen des Lebens. Der inhaltlich so reiche Film ist auch stilistisch sehr vielfältig. Zum ruhigen Voice-Over der Regisseurin und der zarten, dezenten Musik gesellen sich Ton-Experimente mit Echo, Verzerrungen, die aber nie aufdringlich wirken. Der innere Aufruhr der Protagonistin wird auch mal in Zeitlupenaufnahmen von Szenen mit Traumcharakter visualisiert. Die Gesprächssituationen wirken lebendig eingefangen. Wenn Leute von sich erzählen, die nicht im Bild erscheinen wollen, ist oft Sabine Marina zu sehen, als Zuhörerin, die sich zögernd, fragend berühren lässt. Mit diesem Debüt empfiehlt sie sich der Filmwelt als engagiertes Talent.

Fazit: Sabine Marina schildert in ihrem bewegenden Dokumentarfilm mit großer Sensibilität und Aufrichtigkeit, wie die Diagnose Multiple Sklerose ihre ganze Lebenseinstellung erschüttert. Den Prozess der Auseinandersetzung mit der Krankheit flankieren offene Gespräche mit anderen Betroffenen, die sich zum Teil eine bewundernswerte innere Reife erarbeitet haben.




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