VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Sunrise
Sunrise
© Rapid Eye Movies © Partho Sen-Gupta

Kritik: Sunrise (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Auf dem Armaturenbrett von Kommissar Joshis Auto leuchtet in bunten Farben eine kleine Plastikgottheit, als wolle sie die dunklen, regennassen Straßen von Mumbai ein wenig erhellen. Denn Sonnenlicht ist dem Titel zum Trotz in Partho Sen-Guptas zweitem Spielfilm eine Seltenheit: Eine endlose Nacht scheint über die indische Metropole hereingebrochen zu sein, die zudem im dauernden Monsunregen unterzugehen scheint. Eine solch düstere, von Regenschauern und grellen Großstadtlichtern durchtränkte Atmosphäre gab es in dieser Konsequenz im Kino wohl zuletzt in David Finchers "Sieben" (1995) zu bestaunen.

Die Ästhetik und der Plot lassen vermuten, dass "Sunrise" ein typischer Neo-Noir-Streifen auf den Spuren von Finchers Klassiker ist. Der indische Regisseur und Drehbuchautor Sen-Gupta bedient allerdings weniger Horror- und Thrillerelemente, als dass er die geplagte Psyche seines Protagonisten mit den Mitteln des Dramas auslotet. Wenn Kommissar Joshi durch in Neonlicht getauchte Straßen und Gassen hetzt und einem Schatten hinterherjagt, wird die Krimi-Handlung schnell unter einem surrealen Alptraum begraben, der erbarmungslos wie der Monsun auf den Helden niederprasselt und diesen mit seinen eigenen seelischen Abgründen konfrontiert.

Das Genre mit seinen Konventionen und klaren Regeln dient in "Sunrise" bloß als wankendes Grundgerüst, von dem aus der Film in weitaus bedrohlichere Gebiete vorstößt. So bebildert der Film nicht nur eindrucksvoll die Seelenqualen seiner schweigsamen, von Adil Hussain brillant verkörperten Hauptfigur, sondern spürt auch dem Trauma einer Gesellschaft nach, in der sich Gewalt und Frauenverachtung längst in den Alltag hineingefressen haben. Den routinierten Missbrauch der jungen Mädchen deutet der Film dabei nur an, ihr Leid wird aber schmerzhaft erfahrbar im nächtlichen Wimmern, den resignierten Blicken und dem kraftlosen Wüten gegen ihre Peiniger.

Im Verzicht auf allzu drastische Gewaltszenarien sowie in der Auslassung von vereinfachenden Erzählmustern findet "Sunrise" so zu großer Form, wenn er im Finale jedoch deutlich schwächelt. Nichtsdestotrotz ist Partho Sen-Gupta ein auch in technischer Hinsicht herausragendes Psychodrama gelungen, das beinahe ohne Worte viel zu erzählen hat.

Fazit: Auf den ersten Blick ein typischer Neo-Noir-Thriller, entpuppt sich "Sunrise" rasch als eigenwilliges Psychodrama voller surrealer Alpträume und gesellschaftlicher Anklagen. Dank der guten technischen Umsetzung und einem starken Hauptdarsteller lassen sich auch kleine Schwächen im Finale verschmerzen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.