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Kritik: Maidan (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Über eine Länge von fast 130 Minuten zeigt der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa mit Hilfe einer fast durchgehend statischen Kamera, wie sich die Ereignisse auf dem Maidan-Platz von den Anfängen der Proteste bis hin zu den Trauerfeiern für die Toten entwickelt haben. Der Filmemacher verzichtet komplett auf jedweden Kommentar. Eine Handvoll von Zwischentiteln umreißt die wichtigsten Stationen im Verlauf der immer dramatischer sich zuspitzenden Ereignisse. Loznitsa beobachtet nur, aber das äußerst genau. Von der ersten Szene, in der eine Menschenmenge die ukrainische Nationalhymne singt an, lässt er trotz seines neutralen Duktus keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er steht.

Mit einen äußerst präzisen, analytischen Blick zeigt Loznitsa auf, dass diese große Menschenansammlung keine unförmige Masse, sondern ein komplexer und sich selbst organisierender Organismus ist, der sich aus ganz konkreten Einzelpersonen zusammensetzt, denen die unverhohlene Sympathie des Filmemachers gilt. So wird die ukrainische Hymne im Verlaufe des über zweistündigen Films noch mehrfach wiederholt. Das zweite Mal ist es ein einzelner Gitarrenspieler, der am Rande des Platzes fragt, ob er die Hymne singen dürfe. Nach kurzer Zeit haben sich ihm eine handvoll weiterer Sänger angeschlossen. Sichtbar freuen sie sich, ihre eigene Mini-Demonstration zu veranstalten.

Der menschliche Aspekt zeigt sich auch in den Rednern auf der großen Hauptbühne. Von diesen setzt beispielsweise einer erneut einige Sätze früher in seiner Rede an, da er sich zwischenzeitlich verheddert hat. Ein weiterer Aspekt, für den sich Loznitsa besonders interessiert ist der logistische Aufwand, den solch eine Massenveranstaltung mit sich bringt. So zeigt er ein gewaltiges, improvisiertes Proviantlager, das deutlich macht, dass so viel Menschen auch irgendwie versorgt werden müssen. Versorgt werden müssen später auch die Steinewerfer mit frischem Wurfmaterial. Die Kamera blickt auf Frauen, die damit beschäftigt sind, ausreichend neue Pflastersteine aus der Straße herauszubrechen.

So gibt es im Verlauf des Films viel zu entdecken, das "Maidan" zu einem wichtigen historischen Dokument macht. Darüber hinaus ist es Loznitsa gelungen einen Film über die innere Dynamik und die versteckte Mechanik solch einer Massendemonstration zu machen. Trotzdem ist das nicht immer ausreichend, um den Film über seine gesamte Laufzeit zu tragen. Wenn erneut eine Redner - zumeist recht ähnliche - Parolen anstimmt oder mal wieder die ukrainische Nationalhymne angestimmt wird, fragt man sich unweigerlich, um Loznitsa bei all seiner meisterlichen Beherrschung des Materials nicht ein wenig zu selbstverliebt ist. Eine gewisse Straffung hätte "Maidan" gut getan.

Fazit: Äußerst präzise, sehr neutral und extrem detailverliebt beobachtet ist "Maidan" eine sehenswerte Dokumentation der Demonstrationen in Kiew, die jedoch mit ebenso neutralem Blick besehen leider ein wenig überlang geraten ist.





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