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Herr von Bohlen
Herr von Bohlen
© Salzgeber & Co

Kritik: Herr von Bohlen (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Arndt von Bohlen und Halbach war eine schillernde und zugleich tragische Society-Figur bis zu seinem frühen Tod 1986. Als schwuler Exzentriker und Privatier, der eine jährliche Apanage von zwei Millionen Mark aus dem Krupp-Vermögen erhielt, taugte er nicht gerade zum Medienliebling. Der traditionsreiche Konzern hüllte nach dem Erbverzicht, zu dem Arndt von Bohlen gedrängt worden war, weitgehend den Mantel des Schweigens um den verlorenen Sohn. Das ist so geblieben: Der Dokumentarfilmer André Schäfer ("Deutschboden") bekam kein Material aus dem Krupp-Archiv und auch keine Statements vom Unternehmen oder von Angehörigen für dieses Porträt. Aber er fand eine Menge Zitate Arndt von Bohlens in den Medien und beschloss, sie in ein fiktives Interview des von einem Schauspieler dargestellten Protagonisten einfließen zu lassen. Flankiert von Aussagen von Weggefährten und Zeitzeugen, sowie einigen Archivaufnahmen entsteht das emotional differenzierte Bild eines lebenslustigen Menschen, der mit der traditionellen Seriosität der Familie bricht.

Der von Arnd Klawitter gespielte Arndt von Bohlen führt den Regisseur und Interviewer an die Stätten seines Lebens. Die fiktiven Szenen in Essen, auf Sylt, vor Schloss Blühnbach bei Salzburg und in der Villa in Marrakesch geben Einblicke in einen opulenten Lebensstil. Oft befindet sich der verheiratete Arndt von Bohlen in Gesellschaft von Männern, speziell seines jungen Lovers (Arne Gottschling). Arnd Klawitter wirkt etwas ernster und in sich gekehrter, als der junge Arndt von Bohlen auf den Fotografien und Archivaufnahmen. Auch dadurch lässt sich erahnen, dass die Spekulationen in dieser filmischen Annäherung dem wirklichen Menschen womöglich nicht ganz entsprechen. Von den Weggefährten, die zu Wort kommen und den dokumentarischen Aspekt des Films unterfüttern, beeindruckt vor allem Arndt von Bohlens Nachlassverwalter Holger Lippert. Er ist unermüdlich und mit starken Argumenten darum bemüht, das Bild vom "Taugenichts", wie eine Zeitschrift einmal titelte, zu revidieren. Auch der Klatschreporter Michael Graeter plaudert Interessantes aus dem Nähkästchen, bzw. aus dem Leben verschiedener Szene-Größen.

Abgerundet wird das Porträt von Rückblicken in die mit der Politik verbundene Historie des Konzerns. Die große Ära der Industriellen-Dynastien war nach dem Krieg vorbei und irgendwann musste ja auch einmal ein Erbe gegen die Familie rebellieren, spätestens in der Flower-Power-Zeit. Umso interessanter geraten die filmischen Überlegungen, warum Arndt von Bohlen in den Siebzigern so viel Missgunst entgegenschlug.

Fazit: Der fiktional angereicherte Dokumentarfilm entwirft ein spannendes Porträt des letzten Krupp-Sohnes Arndt von Bohlen. Der schwule Exzentriker und Lebemann wurde in den Siebzigern als "reichster Frührentner Deutschlands" verspottet. Der Film rückt dieses negative Bild ein Stück weit zurecht und schildert den Mann, der auf das Firmenerbe verzichtete, als einsamen und innerlich zerrissenen Menschen.






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