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Aus dem Abseits
Aus dem Abseits
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Kritik: Aus dem Abseits (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Manchmal schlägt einem das Gedächtnis ein Schnippchen. Am Ende der dokumentarischen Suche nach Peter Brückner ist dem Regisseur die Vorstellung von seinem Vater abhanden gekommen. "Meine eigenen Erinnerungen an Peter, die schwachen Bilder, die noch in meinem Kopf waren, sie sind fort", stellt Simon Brückner nüchtern fest. Dafür hat sich ein neues Bild in seinem Kopf und vor den Augen der Zuschauer zusammengesetzt. Er spüre seinen Vater nun in Menschen, denen er begegne. Viele davon haben die Zuschauer in "Aus dem Abseits" getroffen.

"Aus dem Abseits" ist Simon Brückners Versuch, seinen Vater, den er kaum kannte, zu rekonstruieren. Das Bild, das die ehemaligen Weggefährten von Peter Brückner zeichnen, ist nur auf den ersten Blick eines voller Widersprüche. Brückner verdiente sein Geld zunächst als Marktforscher in der Wirtschaft, bevor er als Professor zu einer Symbolfigur der studentischen Proteste der 68er-Bewegung wurde. Doch ein zweiter Blick offenbart: Der Linksintellektuelle war stets Pragmatiker. "Wenn ich schon nicht mit und für die Gesellschaft leben kann, dann wenigstens von ihr", soll Brückner vor seinem Wechsel in die Marktforschung gesagt haben. Das Bild des ewig unzufriedenen, klagenden Linken, der nicht glücklich sein darf, war ihm fremd. Doch ganz so einfach wie auf den zweiten Blick ist es dann auch wieder nicht. Obwohl Peter Brückner sich ein Leben lang nach (familiärer) Geborgenheit sehnte, eckte er gern an. In seiner Familie fühlte er sich ebenso wohl wie im Abseits, das für ihn – wie einer seiner Buchtitel verrät – einen sicheren Ort darstellte. Um diesem Mann beizukommen, ist ein dritter, vierter und fünfter Blick notwendig.

Regisseur Simon Brückner sieht ganz genau hin, alle (offenen) Fragen zu seinem Vater kann freilich auch er nicht beantworten. Der Filmemacher erzählt Peter Brückners Lebensgeschichte nicht linear, sondern zeiht mal weite, mal enge Kreise. Seine Reise in die Vergangenheit führt ihn an alte Wirkungsstätten seines Vaters und an neue Orte, an denen dessen Kinder und Begleiter ihre Zelte mittlerweile aufgeschlagen haben. Es ist auch eine Reise zu sich selbst. Das macht der Kommentar aus dem Off deutlich, in dem sich Simon Brückner zu seinem Vater und zu seinem Dokumentarfilm in Beziehung setzt und über beide reflektiert.

Der Regisseur schreitet diese Stationen in aller Ruhe ab. Musik braucht er keine. Seine Einstellungen sind lang und langsam geschnitten. Diese getragene Erzählform kommt der biografischen Spurensuche entgegen, offenbart aber so manche Länge. Die schlichte visuelle Gestaltung wirft zudem die Frage auf, warum ausgerechnet dieser Dokumentarfilm im Kino laufen sollte, unterscheidet er sich doch nicht von vergleichbaren Fernsehproduktionen. Immerhin: Der Versuch, eine Figur des öffentlichen Lebens aus dem Abseits zu holen und zurück ins Gedächtnis zu rufen, ist gelungen.

Fazit: Regisseur Simon Brückner zeichnet ein vielschichtiges Porträt seines Vaters Peter, das freilich nicht alle Fragen beantworten kann. "Aus dem Abseits" ist ein Dokumentarfilm, der eine streitbare Figur des öffentlichen Lebens wieder ins Gedächtnis ruft und
das Gedächtnis an sie dadurch bewahrt. Der Versuch, der Vielfalt des väterlichen Lebens gerecht zu werden, mündet aber auch in unnötige Längen. Visuell scheint "Aus dem Abseits" für eine Auswertung im Fernsehen besser geeignet als für eine auf der großen Leinwand.




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