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Die Geschwister
Die Geschwister
© Salzgeber & Co

Kritik: Die Geschwister (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Die Geschwister" ist Jan Krügers vierter Langfilm. Das Drehbuch, das unter Mitarbeit von Anke Stelling entstand, greift Motive aus dem Märchen "Brüderchen und Schwesterchen" der Gebrüder Grimm auf. Geht es darin um ein Mädchen, das den eigenen Bruder (der in ein Reh verwandelt wurde) "nimmermehr verlassen" will und einem plötzlich auftauchenden Königssohn deshalb nur unter der Bedingung auf dessen Schloss folgt, dass das Tier mitgehen darf, liegen die Dinge in Krügers Werk natürlich etwas anders. Was jedoch bleibt, ist die unverbrüchliche Treue und Loyalität zwischen einem geschwisterlichen Paar, das in diesem Fall zwar gar nicht miteinander verwandt ist, aber eine quasi-familiäre Einheit bildet. Krüger lässt diesen Figuren – dem Polen Bruno und der Weißrussin Sonja – im Laufe der Handlung eine gewisse Rätselhaftigkeit, indem wir die beiden aus der Perspektive des Königssohn-Stellvertreters Thies kennenlernen.

Auch dieser ist ein äußerst faszinierend gezeichneter Protagonist: In seinem Job als Wohnungsverwalter muss Thies zwischen Mieter- und Eigentümerinteressen vermitteln – und kann damit in der als Wohnort für viele Leute höchst attraktiven Großstadt Berlin mitbestimmen, wer sich seinen Traum von einem sicheren Zuhause in der deutschen Metropole erfüllen darf und wer nicht. Vladimir Burlakov ("Nachthelle") interpretiert diese Rolle als introvertierten Einzelgänger: Thies wirkt sensibel und gewissenhaft, allerdings auch sehr distanziert. Er lebt spartanisch, erledigt alles mit Routine – bis die Begegnung mit Bruno etwas Unverhofftes in ihm auslöst. Der junge Pole wird von Julius Nitschkoff ("Als wir träumten") mit einer punktgenauen Mischung aus irritierend-enigmatischen und entwaffnend ehrlichen Gesten verkörpert. Die Chemie zwischen den beiden Schauspielern stimmt. Als Sonja sorgt Irina Potapenko ("Revanche") gekonnt für Konflikte; die hier entworfene Dreieckskonstellation gehört fraglos zu den spannungsreichsten Figurenbeziehungen des aktuellen deutschen Kinos.

"Die Geschwister" ist – das ahnt man bald – kein Film, der auf ein wirklichkeitsfernes happy ending hinausläuft und uns mit süßen Lügen füttert. Das Werk ist jedoch auch kein zutiefst pessimistisches Sozialdrama. Vielmehr fängt Krüger eine Ahnung von Glück ein – Momente der Zärtlichkeit, die durch die Tatsache, dass sie nicht von Dauer sind, keineswegs zunichtegemacht werden. Die Liebe, das Verlangen – diese Gefühle sind im perfekt gewählten Schlussbild immer noch vorhanden; verschwunden sind indes die Scheuklappen, die Thies zu Beginn trug, ehe er auf "Brüderchen und Schwesterchen" traf.

Fazit: Ein Berlin-Film mit klugen Beobachtungen und präzisen Schauspielleistungen, der ein Märchenmotiv mit Realismus auflädt.





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