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Der Schamane und die Schlange
Der Schamane und die Schlange
© MFA Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Der Schamane und die Schlange - Eine Reise auf dem Amazonas (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wild, geheimnisvoll und undurchdringlich – so wird auf der Leinwand im Allgemeinen der Dschungel inszeniert. Auch Ciro Guerras Oscar-nominiertes Historiendrama "Der Schamane und die Schlange – Eine Reise auf dem Amazonas" zeigt den südamerikanischen Urwald als einen mystischen Naturraum, spürt diesem aber – im Gegensatz zu vielen anderen Filmen – ernsthaft nach. Bezeichnend ist schon die Tatsache, dass neben den beiden Forscherperspektiven – die Aufzeichnungen der Wissenschaftler Theodor Koch-Grünberg und Richard Evans Schultes dienten als Inspirationsquelle – auch eine dezidiert indigene Sicht zum Tragen kommt.

Der Schamane Karamakate, der in jungen Jahren von Nilbio Torres und im fortgeschrittenen Alter von Antonio Bolivar verkörpert wird, füllt mehrere Rollen aus. Erstens ist er die große Konstante in den beiden zeitlich getrennten Handlungssträngen, zwischen denen der Film hin- und herspringt. Anfang des 20. Jahrhunderts hilft der Ureinwohner dem deutschen Anthropologen Theo (Jan Bijvoet) bei der Suche nach der angeblich heilbringenden Yakruna-Pflanze und knapp 30 Jahre später dem US-Botaniker Evan (Brionne Davis), den das gleiche Vorhaben in den Regenwald verschlagen hat. Zweitens weiht Karamakate die Forscher und auch den Zuschauer in die Geheimnisse des Dschungels und des indigenen Denkens ein. Zeit und Raum werden hier schließlich ganz anders wahrgenommen. Drittens steht der früher stolze und rebellische, im Alter aber zunehmend desillusionierte Schamane sinnbildlich für all jene Kulturen, die seit dem ersten Aufeinandertreffen mit den Europäern ausgestorben sind. Er selbst ist der letzte Überlebende seines Volkes und droht, das zeigen die Gespräche mit Evan, sein Wissen und seinen Bezug zur Umwelt zu verlieren.

Handfeste Kritik am Kolonialismus wird immer wieder laut. Etwa, wenn Karamakate mit den beiden Wissenschaftlern zu unterschiedlichen Zeitpunkten einen Missionsstützpunkt besucht. Wo Angst und Unterdrückung schon um 1900 deutlich spürbar sind, hat sich drei Dekaden später eine Gemeinschaft gebildet, deren Mitglieder dem Wahnsinn anheimgefallen sind. Beim Anblick der düster-bizarren Szenen kommen unweigerlich Erinnerungen an Francis Ford Coppolas infernalischen Dschungeltrip "Apocalypse Now" auf. Ähnlich hypnotisch wie der kambodschanische Urwald erscheint hier die wildwuchernde Amazonaswelt, die von den ersten Einstellungen an über eine intensiv-flirrende Klangkulisse lebendig wird und in prägnanten Schwarz-Weiß-Bildern (Kamera: David Gallego) erstrahlt.

Ciro Guerra beschränkt sich allerdings nicht nur auf eine Holzhammerkritik, sondern nimmt die Auswirkungen des Kulturzusammenstoßes differenziert in den Blick. Zum Beispiel dann, als Karamakate von Theos indigenem Gehilfen Manduca (Yauenkü Migue) wissen will, warum dieser den westlichen Eindringlingen behilflich sei. Eine spannende Frage, auf die der junge Assistent eine interessante Antwort hat: Seiner Meinung nach sind die Weißen durchaus bereit, zu lernen. Und über den direkten Kontakt lasse sich vielleicht ein Stück des Wissens um die einheimische Lebensweise bewahren. Ein Wortwechsel, der den Zuschauer ernsthaft ins Grübeln bringt. Immerhin zeigt der bedächtig erzählte, zum Ende hin aber psychedelische Abenteuerfilm, wie viel bereits verloren gegangen ist.

Fazit: Der kolumbianische Oscar-Kandidat "Der Schamane und die Schlange – Eine Reise auf dem Amazonas" verbindet zornige Kritik am Kolonialismus mit bestechend schönen Bildern, einer flirrenden Dschungelatmosphäre und einer verschlungenen Erzählweise, die besonders der indigenen Perspektive Rechnung trägt. Sicherlich kein leichter Stoff, dafür aber ein Film, der den Betrachter mit vielen spannenden Einsichten belohnt.





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