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Chamissos Schatten
Chamissos Schatten
© Real Fiction

Kritik: Chamissos Schatten: Kapitel 1 Alaska u.d. aleutischen Inseln (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Tief im Norden, wo sich Asien und Amerika beinahe berühren, liegt die Beringsee. Die Kamera fängt sie selbst bei hohem Wellengang ganz ruhig, scheinbar unbeeindruckt ein. Hier herrscht ein anderes Tempo. Bewohnern der Aleuten, jener Inselkette die das flache Randmeer des Nordpazifik im Süden begrenzt, bietet sich nur in den Sommermonaten die Gelegenheit, mit der Fähre von Eiland zu Eiland oder zum Festland zu verkehren. Von dieser erzwungenen Entschleunigung ist auch das erste Kapitel von "Chamissos Schatten" erfüllt.

Mit einer Handvoll historischer Berichte und Logbücher im Gepäck hat sich die Künstlerin, Fotografin, Autorin und Regisseurin Ulrike Ottinger 2014 auf eine dreimonatige Reise zur Beringsee begeben. Herausgekommen ist ein Mammutfilm, fast zwölf Stunden lang. Die drei Kapitel verteilen sich auf vier Filme. Der erste nimmt die Zuschauer mit nach Alaska und auf die Aleutischen Inseln. Dort begegnen sie einer rauen Natur, die von Wind, Wetter und Wellen geprägt ist, und Menschen, die bis heute von und mit dem Meer leben und sich auf alte, von zwei Kolonialisierungen überdeckte Traditionen rückbesinnen.

Nur selten erläutert Ottinger etwas aus dem Off. Stattdessen ertönen Logbücher. Die historischen Aufzeichnungen Adelberts von Chamisso, Georg Wilhelm Stellers und Captain James Cooks kontrastieren nicht nur mit den aktuellen Landschaftsaufnahmen, sondern auch mit Ottingers eigenen Beobachtungen, die sie während der Reise gemacht hat, und selbst vorträgt. Ab und an adressieren Einheimische die Kamera, geben etwas von ihrem Leben, ihrer Sprache und der Geschichte ihrer Vorfahren preis. Den Großteil betrachtet Ottinger das Geschehen einfach wortlos.

Dieses stille Beobachten in langen, ungeschnittenen Szenen entwickelt im Zusammenspiel mit der antiquierten Sprache der Reiseberichte eine enorme kontemplative Kraft. Trotz einiger unnötiger Redundanzen ist das alleine schon deshalb faszinierend, weil es heute so selten geworden ist. Wenn etwa Hanns Zischler zu ein und derselben Einstellung einer weit entfernten Insel im wogenden Meer mit sonorer Stimme Passagen aus Chamissos Aufzeichnungen liest, ergänzt der Zuschauer die historischen Beschreibungen automatisch vor seinem inneren Auge. Dann ist "Chamissos Schatten" hervorragendes dokumentarisches Kopfkino.

Fazit: Trotz einiger Längen und Wiederholungen gelingt Ulrike Ottinger ein faszinierender Einblick in eine uns geografisch wie kulturell weit entfernte Region. Ein Dokumentarfilm, der sich in einer immer hektischeren Welt die nötige Zeit nimmt. Das Publikum darf auf die weiteren Teile gespannt sein.





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