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Cartas da Guerra
Cartas da Guerra
© O Som e a F ria

Kritik: Cartas da Guerra (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

1971 liegt der sinnlose und brutale Kolonialkrieg, den das diktatorische Portugal in Angola führt und der schließlich zum Sturz des Salazar-Regimes und zum Ende des faschistischen "Neuen Staates" beitragen soll, bereits in den letzten Zügen. Die Männer, die hier weit weg von ihrer Heimat kämpfen, haben nur den Wunsch, wieder nach Hause zu kommen und den sich endlos aneinander reihenden Tagen und der Brutalität des Krieges, die abstumpft, verdummt, aber auch enthemmt, zu entfliehen. Derweil bezeichnet selbst der General den Krieg als einen Fehler und gibt zu, den Kampf nur auf Sparflamme zu führen, um seine Männer möglichst vor dem Tod zu bewahren.

Auf Grundlage der 2005 unter dem Titel "Leben, auf Papier beschrieben" veröffentlichten Briefe von António Lobo Antunes hat Regisseur und Drehbuchautor Ivo Ferreira ein poetisches, aber auch gleichzeitig beängstigendes Drama gedreht über Menschen, die in einer Endlosschleife gefangen zu sein scheinen, was der Regisseur an einer Stelle anhand einer Filmspule spiegelt: Die Soldaten haben den einen Spielfilm im Lager schon so oft gesehen, dass sie jeden Dialog mitsprechen können. Monate später sehen sie den Film rückwärts, fast schon apathisch - es macht keinen großen Unterschied mehr.

"Der Krieg macht uns alle zu Insekten", heißt es an einer Stelle in den Monologen, die das gesamte Werk durchziehen und deren Zitate aus den Briefen stammen, die nun dem Protagonisten António in den Mund gelegt werden. Vor allem droht der Krieg den Menschen bereits während und nicht erst nach den Kampfhandlungen von der einst miterlebten Realität zu entfremden. Das Posttraumatische Stresssyndrom ist nicht posttraumatisch, es ist bereits da.

Die teilweise wortgewaltigen Sätze Antónios, die minutenlangen Liebesbezeichungen für seine Frau im fernen Portugal, von der er schon gar nicht mehr weiß, ob sie ihn überhaupt noch liebt, wirken wie ein verzweifeltes Ankerwerfen in einem Meer der Haltlosigkeit, in dem ein Leben jederzeit durch eine Landmine oder einen Kopfschuss beendet werden und in welchem eine einheimische Frau zu jeder Zeit vergewaltigt werden kann.

Ferreira's Streifen erinnert an Terrence Malick's "The Thin Red Line", thematisiert aber weniger den Krieg als einen widernatürlichen Akt gegen die Natur, sondern mehr als einen Prozess der psychischen Entwurzelung. Das alles hat Kameramann Joao Ribeiro in atemberaubenden schwarz-weißen Bildern festgehalten, gestochen scharf, teilweise poetisch und in der Einstellung eines nächtlichen Gewitters geradezu phänomenal.

"Cartas da Guerra" hat keinen nennenswerten Spannungsbogen und die ausladenden Monologe drohen manchmal monoton zu werden, aber Form und Inhalt nähern sich so an: Die Zuschauer empfinden mit den Soldaten mit - die Angst vor der Leere, die alles außer dem Tod ist, was ihnen geblieben zu sein scheint.

Fazit: Ein mit sicherer Hand inszeniertes, wunderbar photographiertes Drama über ein dunkles Kapitel der portugiesischen Zeitgeschichte, das anhand einer Art inneren Monologs die verstörende Monotonie des Krieges verdeutlicht, dabei aber auch selbst seine Längen aufweist.




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