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Chamissos Schatten
Chamissos Schatten
© Real Fiction

Kritik: Chamissos Schatten: Kapitel 2 Teil 1 Tschukotka u.d. Wrangelinsel (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wie jedes der drei Kapitel beginnt auch das zweite mit einem Zitat aus Adelbert von Chamissos "Peter Schlemihls wundersame Geschichte". Auf der Tonspur weht leise der Wind. Der Schnittrhythmus ist ebenso bedächtig wie Ulrike Ottingers Vortrag der Passage. Danach stellt ein dreiminütiger Schwenk das kleine Hafenstädtchen Prowidenija im äußersten Osten Russlands vor und stimmt die Zuschauer auf das Erzähltempo ein. So gemächlich, wie das erste Kapitel dieses Mammutdokumentarfilms endete, beginnt auch das zweite.

In Prowidenija lebt fast ein Drittel der dünn besiedelten Halbinsel Tschukotka. Hier scheint die Zeit stehengeblieben. Leere Fabrikgebäude, rußgeschwärzte Fassaden und goldene Lenin-Statuen künden vom Niedergang in postkommunistischen Zeiten. Entlang der Küste erzählen die Überbleibsel alter Dörfer von Kollektivierung und Zwangsumsiedlung. Einige Traditionen der Einheimischen wie beispielsweise das Tätowieren sind verschwunden, andere konnten sich dem Einfluss aus Moskau widersetzen. So lebt auch heute noch der Großteil der Tschuktschen als Rentierhirten oder Meeresjäger. Im ersten Teil des zweiten Kapitels nimmt Ottinger Letztere in den Blick.

Auf Tschukotka vorgelagerten Inseln geht Ottinger mit den Bewohnern auf Wal- und Robbenfang. Historische Reiseberichte kontrastieren mit den aktuellen Ereignissen. Die Kanus sind Motorboten, Mäntel aus Häuten und Fellen moderner Funktionskleidung gewichen. Sonst hat sich wenig geändert. Das Harpunieren ist nichts für zarte Gemüter. Die Zuschauer sind dabei, wenn sich das Meer rot färbt. Mehr als eine halbe Stunde verweilt Ottinger am Strand, sieht den Jägern beim Zerlegen, Kochen und Verspeisen einer Robbe zu.

So faszinierend die Jagd auch sein mag, hier offenbart sich die größte Schwäche des Films. Mit nur einer Kamera bleibt kaum Spielraum für Details. Ottingers meist starre, distanzierte Position lässt etwa beim Walfang kaum etwas erkennen. Hier können die Bilder mit den beeindruckenden Aufnahmen von Landschaften und Menschen nicht mithalten.

Fazit: Auch im zweiten Kapitel ihres beinahe zwölfstündigen Dokumentarfilms gelingt Ulrike Ottinger ein faszinierender Einblick in eine weit entfernte Region. Der erste Teil von "Tschukotka und die Wrangelinsel" nimmt sich erneut die nötige Zeit, offenbart aber auch einige Schwächen, die im ersten Kapitel noch deutlich weniger ins Gewicht fielen.




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