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Chamissos Schatten
Chamissos Schatten
© Real Fiction

Kritik: Chamissos Schatten: Kapitel 2 Teil 2 Tschukotka u.d. Wrangelinsel (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Tief im Norden, wo sich Asien und Amerika beinahe berühren, liegt die Beringsee. Hier sind die Sommer kurz und die Winter lang. Das raue Wetter prägt Landschaft und Menschen, die bis heute mit und von der Natur leben. Im zweiten Teil des zweiten Kapitels hat Ulrike Ottinger die Rentierhirten im Innern Tschukotkas und die Bewohner entlang der Küste bis in den hohen Norden der Wrangelinsel getroffen. Erneut gelingen der Filmemacherin faszinierende Aufnahmen von Mensch und Natur, etwa wenn eine Gruppe Walrosse synchron zur See wogt oder wenn riesige Rentierherden dicht an der Kamera vorbei auf eine Weide ziehen – eine graubraune Masse, die sich nur unmerklich von den Kieselsteinen des Flussbetts absetzt.

Die Hirten nehmen ihren beschwerlichen Alltag mit Humor. Im Vergleich zu den Walfängern führten sie doch ein leichtes Leben. Schließlich laufe ihr Essen auf vier Beinen herum und vermehre sich munter, während sie schliefen. Wie einfach sie an ihr Essen kommen, zeigen sie Ottinger vor laufender Kamera. Mit wenigen Handgriffen fangen sie ein junges Ren mit dem Lasso, packen es am Geweih, ringen es zu Boden und machen ihm den Garaus. Historische Fotos und Reiseberichte belegen, dass sich außer der Kleidung der Hirten nicht viel geändert hat. Kommentarlos verweilt Ottinger beim Häuten und Zerlegen. Einzig die Gespräche der Hirten und das beständige Tropfen des Regens bilden die Geräuschkulisse bei diesem tödlichen Schauspiel.

Die zähen Hirten bringt weder Wind und Wetter noch die Unbill der Obrigkeit aus der Ruhe. Als die Sowjets im Kalten Krieg die Grenzen dichtmachten, den Handel mit der amerikanischen Seite des Nordpazifik unterbanden und Verwandte auseinanderrissen, rückten die Tschuktschen noch näher zusammen. In dieser Zeit des Mangels gab es keine Verschwendung. Aus Fellen machten sie Kleidung, aus Knochen Butter und Suppe für die Hunde. Ähnlich spärlich lebt Familie Reftetagin etwas weiter im Norden. Ottinger trifft Wasilij und Galina mit ihrer Enkelin Margarita auf einem verregneten Küstenstreifen der Koljutschin Bucht. Für die Kamera wirft sich Galina in Schale, setzt eigens ihre Sonnebrille auf. Den Großteil des Jahres bringt die Familie hier völlig isoliert mit Fischfang zu, der sie und ihre Hunde durch den Winter bringt. Ganz im Norden auf der Wrangelinsel ist die Umgebung schließlich noch karger. Außer Zwergsträuchern, Moosen und Polsterpflanzen wächst nichts. Die wenigen Menschen schützen ihre Fenster und Türen mit dicken Gittern und scharfen Spitzen vor den neugierigen Polarbären, die Ottinger allerdings nur ziemlich verwackelt aus sicherer Entfernung vor ihre Linse bekommt.

Bei aller Tradition hält ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aber auch im äußersten Norden der Kapitalismus Einzug. Überall an der Küste rotten die Überbleibsel der Zwangsumsiedlungen aus sowjetischen Tagen vor sich hin. Im Städtchen Egwekinot hat der sozialistische Realismus in überdimensionalen Gemälden überlebt, die an den Häuserfronten vom Sieg über Hitlerdeutschland künden, während spielende Jungen Sweatshirts mit US-amerikanischen Motiven tragen. Dass Häftlinge eines Arbeitslagers die Siedlung errichteten, verschweigt das örtliche Museum ebenso wie die Zwangsumsiedlungen der Ureinwohner. In Anadyr, der Hauptstadt Tschukotkas, grüßt schließlich die moderne Architektur eines Museums hoch oben über dem Hafen. Ein Großwildjäger, der Unterkünfte an Bauarbeiter vermietet, eine Lagerhalle, ein Restaurant und ein kleines Kaufhaus besitzt, will nun auch noch eine Bowlingbahn errichten.

Dieser illustre Entrepreneur kommt jedoch nur indirekt zu Wort, wird von Ottinger lediglich aus dem Off zitiert, anstatt selbst vor der Kamera Stellung zu beziehen. Ein Verfahren, dass Ottinger im dritten Teil auffällig häufig anwendet. Ob die Zitierten nicht gefilmt werden wollten oder die Regisseurin dies schlicht versäumte, bleibt offen. Mehr als einmal wirkt der fritte Teil dadurch unvollständig. Diese Lücken überdecken letztlich auch die zahlreichen gelungenen Aufnahmen nicht zur Gänze.

Fazit: Ulrike Ottingers Mammutprojekt "Chamissos Schatten" nimmt sich viel Zeit für die raue Schönheit der Beringsee. Auch der dritte Teil ist ein Dokumentarfilm, auf den sich das Publikum einlassen muss. Trotz zahlreicher faszinierender An- und Einsichten offenbart er jedoch einige Leerstellen, die die ersten beiden Teile noch zu vermeiden wussten.




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