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Kritik: Simpel (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Simpel" beruht auf einem Roman der französischen Autorin Marie-Aude Murail, der 2008 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Inszeniert wurde die Verfilmung von Markus Goller, einem in München geborenen Regisseur und Editor. Bei vielen seiner Filme übernahm Goller Regie und Schnitt, etwa bei "Frau Ella" (2013) oder "Alles ist Liebe" (2014). Sein erster großer Erfolg gelang Goller ebenfalls mit einem Roadmovie: 2011 mit "Friendship!". Gedreht wurde "Simpel" ab März 2016 unter anderem in Hamburg und Umgebung, an der Nordseeküste sowie im niedersächsischen Jever. Premiere feierte die Produktion im Juni 2017 auf dem Filmfest in Shanghai.

Von Beginn an lebt der mal extrem heitere, mal melancholisch stimmende Mix aus Tragikomödie und Roadmovie vom feinen, nuancierten Spiel seiner beiden Hauptdarsteller. Dafür, dass die Figur des Ben zu "simpel" angelegt und wenig komplex gezeichnet ist, kann Frederick Lau nichts. Denn Ben erscheint hier lediglich als stets um das Wohl von Simpel bemühter, aufopferungsvoll agierender Bruder, über den man – abgesehen von der innigen Liebe zum Bruder – leider nicht sonderlich viel erfährt. Dennoch: Lau agiert als Ben leidenschaftlich und nachvollziehbar, für die Drehbuchschwächen kann er nichts. Der Schauspieler fährt sein ganzes darstellerisches Können auf: vom lautstarken Wutanfall bis hin zu leisen, stillen Momenten, etwa wenn Ben Simpel allabendlich ins Bett bringt oder im stillen Kämmerlein anzweifelt, ob er der ganzen Situation noch gewachsen ist.

Ein echtes Highlight ist David Kross als geistig behinderter Simpel. Kross gibt seine Figur nie der Lächerlichkeit preis und spielt mit einer gewaltigen Portion Respekt. Respekt seiner Figur sowie dessen Behinderung gegenüber. Dabei überzeugt er gerade auch in nonverbaler, physischer Weise: etwa, wenn er Simpels teilweise vorhandene Spastik glaubhaft und jederzeit authentisch mimt. Wie selbstverständlich schlüpft Kross damit in die Rolle eines behinderten Protagonisten und lässt – anstelle von Mitleid – Mitgefühl und Sympathie beim Betrachter entstehen.

Darüber hinaus ist "Simpel" trotz seiner fast zwei Stunden Laufzeit extrem kurzweilig und unterhaltsam geraten. Denn im Verlauf ihrer Odyssee erleben die Brüder allerlei bizarre Abenteuer und brenzlige Situationen, die dem Kinobesucher entweder den Angstschweiß auf die Stirn treiben oder ein entspanntes Lächeln ins Gesicht zaubern: zum Beispiel wenn Simpel die Wohnung einer befreundeten Sanitäterin abfackelt, ein Kiez-Bordell gehörig aufmischt oder unfreiwillig eine Schlägerei zwischen Ben und zwei Türstehern entfacht. Erwähnenswert ist auch noch die illustre Riege an gut aufgelegten, namhaften Nebendarstellern, die hier in teils skurrile Rollen schlüpfen. So ist Axel Stein als liebenswerter Sanitäter zu sehen, Annette Frier verkörpert eine Vollblut-Prostituierte, und Emilia Schüle gibt die sympathische, charismatische Kollegin von Axel Steins Filmfigur, die bei Ben zudem amouröse Gefühle entfacht.

Fazit: Obwohl man über die Hauptfiguren leider nicht allzu viel erfährt, überzeugt der rasante, enorm kurzweilige Mix aus Tragikomödie und Roadmovie mit einer gelungenen Mischung aus humorvollen und nachdenklichen Momenten. Lebensnah und jederzeit glaubhaft agieren die beiden Hauptdarsteller, allen voran David Kross als liebenswerter, einfühlsamer Simpel.





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