VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Dibbuk - Eine Hochzeit in Polen
Dibbuk - Eine Hochzeit in Polen
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Dibbuk - Eine Hochzeit in Polen (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Totengeist Dibbuk entstammt der jüdischen Mythologie, nach der er in seine Opfer fährt, Besitz von ihrer Seele ergreift und sie dazu bringt, unerklärliche, bizarre Dinge zu tun. Die Verhaltensweisen, die ein von einem Dibbuk besessener Mensch zeigt, ähneln dabei oft denen einer Schizophrenie. Stimmen, Visionen und Erscheinungen sind keine Seltenheit und oft die Folgen – so die Legende – einer Dibbuk-Besessenheit. Auf tragische Weise wurde dem Film weltweite Aufmerksamkeit zuteil, da Regisseur Marcin Wrona ("Chrezt") im letzten September – während eines Filmfests in Polen – auf seinem Hotelzimmer Suizid beging. Auf dem Filmfestival wurde auch "Dibbuk" gezeigt, Wronas erster Spielfilm seit fünf Jahren. "Dibbuk" wurde in der polnischen Woiwodschaft Masowien gedreht, der größten Woiwodschaft des Landes.

Geschickt kombiniert Regisseur Wrona Vision und Wirklichkeit, Albtraumhaftes und Realität. Unsicherheiten und eine beständige Atmosphäre der Bedrohung machen sich auf diese Weise beim Zuschauer breit. Dies wird nochmals unterfüttert durch die Dunkelheit, draußen vor der Scheune bzw. dem Bauernhaus, in denen sich ein Großteil der Szenen abspielen und dem oft schlechten Wetter. Hinzu kommen unheilvolle Musik, die tristen, farblosen Bilder sowie die Abgeschiedenheit des Handlungsortes. So gießt es wie aus Eimern, wenn in den Räumlichkeiten entweder ausgelassen gefeiert (in der Scheune) oder z.B. der Geschlechtsakt vollzogen wird (im Bauernhaus). Zwischendurch sieht man Piotr vor dem Haus in der Erde nach etwas suchen. Was das ist, erfährt man schon recht früh im Film, noch vor Beginn der Feierlichkeiten.

Später dann werden die Verhaltensweisen des zunehmend aggressiven Bräutigams immer undurchschaubarer und schwerer nachzuvollziehen. Eine Phase aus Niedergang und reinem Wahnsinn scheint einzusetzen. Diese für einen normalen, unbedarften Menschen nur schwer zu verkraftende, körperlich enorm zehrende Tour-de-Force, vermittelt Hauptdarsteller Itay Tiran extrem fesselnd. Er durchleidet (scheinbar) Höllenqualen, weiß nicht was mit ihm los ist und entwickelt sich zunehmend zu einer zerrissenen, unkontrollierbaren Person, die zwischen Heiterkeit und rasender Wut hin- und herschwankt. Die Ambivalenz zwischen Humor bzw. ausgelassener, gemeinschaftlicher Feier und Horror bzw. innerer Qualen visualisiert Wrona glaubwürdig und nachvollziehbar.

Immer wieder sprühen nämlich auch gehörig die Humor-Funken, wenn einer der Gäste alles dafür tut, den Schein zu wahren und die restliche Gäste-Schar bloß nichts von Piotrs irrationalem Verhalten mitkriegen zu lassen - natürlich unterstützt durch reichlich, klar, Wodka. Gar nicht mal so unterschwellig schwingt zudem Kritik an den (kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen) Eigenheiten, Verhaltensweisen und Eigenschaften der (alten) polnischen Landbevölkerung mit. Und ein altes, lang gehütetes Familiengeheimnis, das aufzufliegen droht, ist auch noch Teil des Films, der sowohl zum Lachen als auch zum Gruseln einlädt.

Fazit: Visuell ausgereifte, ebenso witzige wie bedrohlich-atmosphärische Horror-Mystery-Mär der etwas anderen Art über eine Hochzeit in Polen, die dank eines jüdischen Totengeists aus dem Ruder läuft.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.