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Café Nagler
Café Nagler
© Salzgeber & Co

Kritik: Café Nagler (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Berühmte Berliner Cafés? Spontan fallen einem das Kranzler ein oder das Café des Westens, das Romanische Café oder das Café Einstein. Aber das Café Nagler? Als Regisseurin Mor Karplansky in der deutschen Hauptstadt eintrifft, um die Geschichte dieser Gaststätte zu beleuchten, die ihre Ururgroßeltern zwischen 1908 und 1925 am Moritzplatz betrieben haben, stehen weder das Café noch das Wohnhaus ihrer Vorfahren. Und so wühlt sich Kaplansky erst einmal durch die Archive, spricht mit Anwohnern, Stadtführern, Historikern und Experten für die 1920er Jahre. Doch außer einer kleinen Randnotiz über eine Schießerei ist in den Zeitungen aus jenen Tagen nichts zu lesen. Die klugen Köpfe, die in Kaplanskys Dokumentarfilm zu Wort kommen, haben noch nie etwas davon gehört. Als die Regisseurin glaubt, endlich einen Zeitzeugen gefunden zu haben, stellt sich dieser kurze Zeit später als geistig verwirrt heraus. Auch ist er zu jung, um das bunte Treiben im Café Nagler tatsächlich zu erinnern.

Bereits recht früh im Film muss Mor Kaplansky der Tatsache ins Auge sehen, dass das Café Nagler zwar ein netter, aber für die Geschichte der Weimarer Republik völlig unbedeutender Treffpunkt gewesen ist. Berühmte Intellektuelle speisten woanders, und der Swing wurde hier selbstredend auch nicht erfunden. Damit wäre dieser Dokumentarfilm eigentlich an seinem Ende angelangt. Doch Mor Kaplansky macht aus ihrer Not eine Tugend. Von Anfang an bezieht sie sich als handelnde Akteurin mit ein: Sie kommentiert ihre Familiengeschichte aus dem Off, treibt ihre Spurensuche vor der Kamera voran und bildet so auch stets ihre Hoffnungen, ihre Ängste und ihr Scheitern ab.

Um ihre Großmutter nicht zu enttäuschen, entscheidet sich die Regisseurin schließlich, eine Geschichte für das vermeintlich berühmte Café zu erfinden. Noch einmal bittet Kaplansky ihre Interviewpartner zum Termin. Dieses Mal sollen sie eine Anekdote aus ihrer Familiengeschichte ins Café Nagler verpflanzen. Den Entstehungsprozess dieser kleinen Fälschungen macht Kaplansky dabei stets sichtbar.

Das macht "Café Nagler" zu einer charmanten Mischung aus Fakten und Fiktion, mal wehmütig, mal warmherzig, stets launig und mit nicht einmal einer Stunde Laufzeit sehr kurzweilig. Visuell kann Kaplanskys liebenswerte Familiengeschichte da leider nicht mithalten. Immer wieder setzt Kameramann Yaviv Barel den falschen Fokus oder schwenkt hastig und unkontrolliert durch die Gegend, wo es auch ein Schnitt getan hätte.

Fazit: Was als historische Spurensuche über ein berühmtes Café beginnt, wird schnell zu einem Dokumentarfilm über Familienverhältnisse. Regisseurin Mor Kaplansky zeigt ebenso charmant wie witzig die Bedeutung von (familiären) Mythen und die Kraft der Erinnerung auf. Visuell kann "Café Nagler" mit seinem gelungenen Inhalt allerdings nicht ganz Schritt halten.




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