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Das Land der Heiligen
Das Land der Heiligen
© Kinesis Film

Kritik: Das Land der Heiligen (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der italienische Filmemacher Fernando Muraca, der sich in den letzten Jahren auf seine Arbeit fürs italienische TV konzentrierte, legt mir "Das Land der Heiligen" seine zweite Regie-Arbeit vor. Zuvor drehte er einige Episoden zweier TV-Serien, die zu den erfolgreichsten Italiens gehören: "Don Matteo" und "Kommissar Rex". Das Drehbuch zu "Das Land der Heiligen" verfasste die Autorin Monica Zapelli, die auch den gleichnamigen Roman zum Film schrieb.

In Italien wurde das Werk bereits im März 2015 veröffentlicht, kurze Zeit später gewann es auf dem Filmfest im französischen Annecy, den Spezialpreis der Jury. In Italien erhitzte der Film die Gemüter, da er in schonungsloser Offenheit klar machte, wie brutal die 'Ndrangheta in Kalabrien mordet, erpresst und korrumpiert – zu sehen auf der großen Leinwand. Natürlich weiß dort jeder Italiener um die Machenschaften der Mafiosi – seit 1991 wurden über 70 Gemeinden in der Region, von der Mafia unterwandert. Jedoch kommt es nicht allzu oft vor, dass Kinofilme über die Clans, das ganze traurige Ausmaß der Infiltration offen legen. Auch, wenn im Film letztlich die Gewalt meist nur angedeutet wird. Denn von den Taten selbst, sieht man in Form von Bewegtbildern nicht allzu viel. Aber dafür umso mehr auf Bildern und in Gesprächen.

Im Zentrum steht also weniger die voyeuristische Zur-Schau-Stellung von brutalem Mord und Totschlag als vielmehr das Innenleben der Figuren. Und: wie diese auf die Gewalt um sie herum reagieren. In diesem Zusammenhang thematisiert Regisseur Muraca auch die Zwänge, die bei einem Leben innerhalb der "Familie" entstehen. Vor allem jene, mit denen die Frauen zu kämpfen zu haben. An dieser Stelle – der unkonventionellen Erzählperspektive – hebt sich "Das Land der Heiligen" deutlich von anderen, auch den meisten ausländischen Filmen und Produktionen über dieses Thema, ab. Denn "Das Land der Heiligen" schildert die Machtkämpfe innerhalb sowie außerhalb der regionalen 'Ndrangheta aus konsequent weiblicher Perspektive.

Auf subtile Weise und in erster Linie aus der Sicht der jungen Assunta, nimmt der Zuschauer das brutale Vorgehen des Clans wahr. Ihr gegenüber steht die selbstbewusste Vittoria (entschlossen und vielschichtig von Valeria Solarino verkörpert), die versucht, den Mafia-Frauen die Augen für die Schandtaten ihrer Männer zu öffnen. Es sind diese beiden – ungemein charismatischen und starken – Frauenfiguren, die immer wieder aneinander geraten und an zwei unterschiedlichen Enden des Gesetzes stehen.

Außergewöhnlich ist auch die Optik des Films. Regisseur Muraca taucht nahezu sein komplettes Werk in ein düsteres, trostloses Blau. Dieser visuelle Kniff vermittelt eine Atmosphäre, die stellvertretend für die komplette Stimmung in der Region zu stehen scheint: gespenstisch, trist, aussichtslos.

Fazit: "Das Land der Heiligen" ist ein im mafiösen Milieu angesiedeltes Krimi-Drama, das ebenso sehenswert wie außergewöhnlich ist. Einerseits, weil es nahezu ohne Gewaltszenen auskommt. Und weil der Film aus völlig ungewohnter Perspektive erzählt wird. Nämlich aus der Sicht von zwei Frauen, die an verschiedenen Enden des Gesetzes stehen.




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