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Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
© Koch Media © Die FILMAgentinnen

Kritik: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Film "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" beruht auf dem gleichnamigen Buch von Amos Oz, das 2002 auf Hebräisch erschien. Zwei Jahre später wurde eine deutsche Version veröffentlicht. Oz schildert in dem Epos vor allem seine Kindheit im Israel der 40er-Jahre, die Zeiten des Umbruchs, die Phase der Staatsgründung sowie die Geschichte seiner Vorfahren und Verwandten aus der Zeit vor den Weltkriegen. Regisseurin Natalie Portman, die selbst Jüdin ist und in Jerusalem geboren wurde, brauchte acht Jahre für die Realisierung des Films. Die Rechte für die Adaption sicherte sie sich, nachdem sie Oz und dessen Frau persönlich kennengelernt hatte. Ein Grund für die Verzögerung der Umsetzung war die aufwendige und langwierige Suche nach einem geeigneten Verleih. Portman bestand nämlich darauf, den Film auf Hebräisch drehen zu lassen. Premiere feierte das Werk in Cannes im vergangenen Jahr.

Es ist ein ambitioniertes Projekt, dass sich Portman mit diesem Film vornahm. Der in 15 Sprachen übersetzte Weltbesteller "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" gehört zu den großen literarischen Epen des vergangenen Jahrhunderts, die von Heimat, Identität und Selbstfindung erzählen. Portman versucht, dieses Werk mit all seinen handelnden Personen, Geschichten und Ereignissen aus Vergangenheit und Gegenwart, in einen lediglich 90-minütigen Film zu packen. Auch aus diesem Grund hält sie sich nicht sonderlich lange mit Erklärungen sowie Hintergrundinfos auf. Im Gegenteil: wesentliche historische Fakten, u.a. die Probleme und Stimmungen innerhalb der Gesellschaft während der Gründerjahre betreffend, setzt sie beim Publikum voraus.

Zu oft springt sie auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, vor allem was die zurückliegenden Jahre ihrer eigenen Figur, Amos Mutter Fania, betrifft. Der Film versucht prägende Kindheitserinnerungen von Amos (u.a. schreckliche Erlebnisse während des Krieges) zu berücksichtigen, aber ebenso die Kindheit seiner Mutter in Osteuropa. Das ist zu viel des guten, oft reizüberflutend und stiftet beim Betrachter des Öfteren eher Verwirrung als Klarheit. Fania leidet sehr im Hier und Jetzt. Sie scheint – aufgrund der unsicheren Lage im Land und der erlebten Traumata in der Heimat – allmählich in tiefe Schwermut und Melancholie zu verfallen.

Anrührend und gleichzeitig verstörend ist, wie Portman jene Inspiration von Amos visualisiert, die er im Leid und in der Krankheit der Mutter erfährt – so seltsam dies klingen mag. Nicht selten denkt er die vielen Geschichten, die Fania ihm erzählt, für sich selbst zu Ende oder versucht, Lehren aus den Erzählungen der Mutter zu ziehen. Die optische Darstellung von Fanias emotionalem und psychischem Verfall, gelingt Portman herausragend, auch wenn sie dabei das ein oder andere Klischee bemüht. Wenn in grau getauchte, düstere und von bleierner Schwere zeugende Bilder deutlich machen, wie Fania – schwermütig und in einer tiefen depressiven Phase gefangen – allein im Regen sitzt oder in abgedunkelten Räumen liegt, dann überträgt sich die Seelenqual mitunter auf den Zuschauer.

Fazit: Die Verfilmung des Weltbestsellers ist trotz schwermütig-düsterer, stimmungsvoller Bebilderung und solider Darsteller nur zum Teil gelungen. Dafür setzt Regisseurin Portman zu viel Vorwissen voraus, berücksichtigt den Aspekt bzw. die Phase der israelischen Gründerjahre zu wenig und springt zu oft zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her.





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