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Meine Brüder und Schwestern im Norden
Meine Brüder und Schwestern im Norden
© farbfilm verleih

Kritik: Meine Brüder und Schwestern im Norden (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Frankfurter Filmemacherin Sung-Hyung Cho, 1966 im südkoreanischen Busan geboren, hat schon aufgrund ihrer Herkunft einen etwas anderen Blick auf die Dinge. Im mehrfach preisgekrönten "Full Metal Village" (2006) brachte sie uns die norddeutsche Dorfseele während des größten Heavy-Metal-Festivals der Welt nahe. In "Endstation der Sehnsüchte" (2009) lotete sie das Seelenleben dreier deutscher Rentner aus, die ihren südkoreanischen Frauen in deren alte Heimat gefolgt sind, um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Und in "Verliebt, verlobt, verloren" (2015) zeigte Cho die Seelenqualen von Frauen aus der ehemaligen DDR und deren Kindern, die Beziehungen mit nordkoreanischen Austauschstudenten entstammen. Ihre dokumentarischen Arbeiten bezeichnet die Regisseurin folgerichtig gern als "Heimatfilme". Auch "Meine Brüder und Schwestern im Norden" ist ein solcher.

Mit ihrem jüngsten Film verfolgt Sung-Hyung Cho ein hehres Ziel. Sie will Stereotype hinter sich lassen, Nordkorea und dessen Bewohner jenseits der immer gleichen Bilder von Militärparaden, Raketentests, dressierten Kindern und frenetischen Massen zeigen. Trotz aller Kontrolle durch das Regime während der Dreharbeiten versucht sie, hinter die Propaganda zu blicken. Eine Propaganda, die Chos Meinung nach in beide Richtungen funktioniert. Schließlich dachte Cho als Kind, in Nordkorea lebten Monster mit roter Haut und Hörnern. So hatte sie es in der Schule gelernt.

Die Menschen, denen Cho begegnet, etwa der 30-jährige Ingenieur Ri Ju Hyok, der in einem Wasservergnügungspark in Pjöngjang arbeitet, die 23-jährige Näherin Ri Gum Hyang aus der Hafenstadt Wonsan oder die Nachwuchskicker eines Fußballinternats haben freilich weder rote Haut noch Hörner, sondern ganz normale Sorgen und Wünsche. So träumt der Bauer Go Kwang Bok von einem eigenen Schwein, seine Frau Kim Chun Hwang hofft auf berufliche Aufstiegschancen für die nächste Generation. Und sie alle glauben an die Wiedervereinigung des geteilten Landes. Wie diese gelingen könnte, ob friedlich oder militärisch, fragt Cho nicht. Nicht das einzige Versäumnis dieser Dokumentation, in der die Regisseurin wiederholt etwas (zu) gutgläubig daherkommt.

Im Vergleich zu den wenigen anderen Filmteams, die eine Drehgenehmigung für Nordkorea erhalten, hat Sung-Hyung Cho jedoch einen klaren Vorteil: Sie spricht die Sprache, braucht keinen Dolmetscher an ihrer Seite. Das merkt man "Meine Brüder und Schwestern im Norden" an. Die Protagonisten sind ohne staatlich verordneten Aufpasser viel gelöster, ihre Aussagen weniger einstudiert als etwa in Vitaliy Manskiys "Im Strahl der Sonne", der folglich die vom Regime verordnete Inszenierung zu seinem Thema macht. Und während bei Manskiy kaum ein Lächeln zu finden ist, sind bei Cho die Menschen hinter den Marionetten zu erkennen. Wie tief die Indoktrination dennoch reicht, zeigt auch "Meine Brüder und Schwestern im Norden". Auch hier tritt das Individuum stets hinter das Kollektiv zurück. An erster Stelle stehen stets der Führer und die Nation. Ihnen zu dienen, ist der sehnlichste Wunsch aller Protagonisten.

Sung-Hyung Cho präsentiert diese ambivalente Mischung mit dem aus ihren bisherigen Arbeiten gewohnten Augenzwinkern und Einfühlungsvermögen. Dabei geht es ihr in erster Linie um die Menschen, nicht um das Regime. Dessen Totalitarismus begreift das Publikum auch ohne eine direkte Verurteilung. Und die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit dieses seltsamen Staates ist bei allem politischen Ernst mehr als einmal absurd komisch.

Fazit: Sung-Hyung Cho fügt ihren dokumentarischen Heimatfilmen einen weiteren hinzu. "Meine Brüder und Schwestern im Norden" kommt den Nordkoreanern trotz aller Vorauswahl der Protagonisten und aller Kontrolle durch das Regime erstaunlich nahe. Im Vergleich zu Vitaliy Manskiys "Im Strahl der Sonne" wirkt Chos Film wie die andere Seite derselben Medaille. Eine Kombination der beiden Dokumentarfilme lohnt sich, geben sie doch aufschlussreiche Einsichten in ein verschlossenes Land.





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