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Kritik: Die Geträumten (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Wer der Korrespondenz zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan lauscht, ist von der ersten Sekunde an von deren Ehrlichkeit ergriffen, von deren Wortgewandtheit gebannt, von deren Sprachgewalt erschlagen. Der Briefwechsel zwischen diesen Literaten, der 2008 unter dem Titel "Herzzeit" erschienen ist, ist selbst Literatur und ganz nebenbei eine Anleitung zum Briefeschreiben, einer heute nur noch von wenigen ausgeübten Kunst.

Die Stimmen, die Bachmanns und Celans Zeilen vorlesen, gehören Anja Plaschg und Laurence Rupp. Regisseurin Ruth Beckermann rückt zunächst ganz nah an sie heran. Nur ihre Gesichter und die Filter vor den Mikrofonen sind zu sehen, bevor Johannes Hammels Kamera den Blick für die imposante Größe des Studios 3 im Wiener Funkhaus öffnet. Hammel folgt den beiden Protagonisten auch in den Pausen, zeigt sie beim Rauchen, beim Musikhören und beim Diskutieren. Wie viel davon echt, wie viel improvisiert, wie viel gespielt ist, lässt der Film offen.

Ursprünglich wollte Ruth Beckermann auch an Orten drehen, an denen die beiden Schriftsteller gelebt haben. Ihre Reduktion auf das Tonstudio ermöglicht den Zuschauern ein besseres Zuhören. Hier stellt sich nun aber unweigerlich die Frage, ob es dazu eines Films bedurft hätte. Beckermanns Bilder können Bachmanns und Celans Worten viel zu wenig entgegensetzen. Der Versuch, über die Sprecher mit dem Gesprochenen in einen Dialog zu treten, ist kein wirklicher Zugewinn. Einzig Plaschgs und Rupps Stimmen bilden gegenüber der gedruckten Korrespondenz einen Mehrwert. Dafür hätte aber auch ein Hörbuch genügt.

Fazit: Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan zählt zu einem der schönsten und intensivsten in der deutschsprachigen Literatur. Einer filmischen Annäherung hätte dieser nicht bedurft.





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