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Kritik: Blair Witch (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 1 / 5

Daniel Myricks und Eduardo Sánchez' Debüt "Blair Witch Project" (1999) entwickelte sich dank einer cleveren Idee trotz minimaler Mittel zu einem der profitabelsten Filme der Geschichte. Etwa 60.000 US-Dollar hat er gekostet, geschätzte 250 Millionen allein an den Kinokassen eingespielt. Der weltweite Hype nahm auf einer Internetseite seinen Anfang, die den Zuschauern vorgaukelte, es handle sich bei den angeblich in einem Wald gefundenen Aufnahmen tatsächlich um echtes Material. Die improvisierten, von den bislang unbekannten Schauspielern selbst gefilmten Szenen verstärkten diesen Eindruck und fanden nicht nur im Horrorgenre zahlreiche Nachahmer – von "The St. Francisville Experiment" (2000) über "Paranormal Activity" (2007), "Rec" (2007) und "Cloverfield" (2008) bis zu M. Night Shyamalans selbstironischem "The Visit" (2015).

Nach Joe Berlingers konventionell inszeniertem "Blair Witch 2" (2000) wagt sich Adam Wingard ("You're Next", "The Guest") nun wieder pseudodokumentarisch in den Wald. Wingards Version ist dabei weniger eine Fortsetzung als vielmehr ein verkapptes Remake, schließlich unterscheidet sich die Geschichte kaum vom Original. Statt drei gehen nun sechs junge Menschen auf der Suche nach dem Hexenhäuschen verloren, was Wingard in erster Linie dazu nutzt, die Kameraperspektiven zu erhöhen. Vier der Protagonisten tragen eine Minikamera am Ohr, hinzu kommen zwei handgeführte Apparate und eine ferngesteuerte Drohne. Das verleiht den Bildern zunächst etwas mehr Ruhe und Authentizität. Verwackelte Ansichten häufen sich erst gegen Ende, wenn mit den Protagonisten auch ihre Headsets richtig in Bewegung geraten. Die lästige Frage, warum die Charaktere auch im Angesicht größter Gefahren ihre Kamera niemals aus der Hand legen, stellt sich bei diesem Found-Footage-Film dadurch nur vereinzelt.

Die Form überzeugt dennoch nicht. Denn Adam Wingard zeigt auch all das, was jeder professionelle Cutter weglassen würde: unkontrollierte Reißschwenks am Beginn und am Ende der Szenen sowie Unschärfen und Wackler, die entstehen, weil Filmstudentin Lisa (Callie Hernandez) – die ganz nebenbei technisch nicht besonders versiert zu sein scheint – ihre Kamera endlich richtig eingestellt hat. Die Tonspur verwendet Wingard wiederum, um durch ein beständiges Stoßen an die Mikrofone Schreckmomente zu erzeugen. Was den Realismus eigentlich verstärken soll, arbeitet so von Beginn an jeglichem Gefühl von Echtheit entgegen und strapaziert bereits nach wenigen Minuten völlig unnötig die Nerven des Publikums.

Eine uninspirierte Geschichte, mittelmäßige Schauspieler, teils unfreiwillige Komik und zu viele Längen machen "Blair Witch" schließlich recht schnell den Garaus. Statt wie das Original auf eine simple Handlung zu vertrauen, peppt Simon Barrett sein Drehbuch mit zahlreichen geklauten Einfällen auf – von der entrückten Zeit über eiternde Wunden und entstellte Körper bis hin zu klaustrophobischen Szenen im Tunnel. Was dieses Stückwerk mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat, bleibt offen. Den Horror setzt Wingard, der bereits mehrfach mit Barrett zusammengearbeitet hat, hingegen ganz explizit ins Bild. Auch wenn es sich hier offiziell nicht um die titelgebende Hexe handelt, hätte Wingard wie das Original das Monster lieber in der Vorstellung seiner Zuschauer belassen. Denn gerade daraus bezog das "Blair Witch Project" bei all seinen Mängel seine authentische Atmosphäre, die die Fortsetzung zu keinem Zeitpunkt verbreitet.

Fazit: Im Horrorgenre hat Regisseur Adam Wingard bereits solide Arbeit abgeliefert. "Blair Witch" ist hingegen schlicht Murks; eine Fortsetzung, die niemand braucht. Bis auf ein paar schön anzusehende Drohnenaufnahmen gewinnt Wingard dem Found-Footage-Subgenre nichts Neues ab. Der Film ist uninspiriert, mittelmäßig gespielt, teils unfreiwillig komisch, bereits nach wenigen Minuten formal nervtötend und trotzt seiner nur 89 Minuten zu lang und dadurch – auch für wenig erfahrene Horrorfans
– sterbenslangweilig.





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