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Raving Iran
Raving Iran
© Rise and Shine Cinema

Kritik: Raving Iran (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Raving Iran" ist der erste Lang-Dokumentarfilm der Mönchengladbacherin Susanne Regina Meures. Nach ihrem Fotografie- und Kunstgeschichte-Studium in London und Zürich, arbeitete sie zunächst für einige Print-Magazine, bevor sie sich dem Filmemachen widmete. Meures stieß vor fünf Jahren in einem Artikel auf eine Geschichte über gesetzeswidrige, unter großen Gefahren organisierte Techno-Partys in der persischen Wüste. Fasziniert davon und vor allem auch von der Tatsache, welchem Risiko sich alle Beteiligten bei diesen Raves aussetzen, flog sie nach Teheran und nahm Kontakt zur Szene auf. Die beiden im Film porträtierten DJs sind bereits seit langem befreundet und leben heute in der Schweiz – als anerkannte Asylanten. Meures reiste für den Film im Zeitraum von anderthalb Jahren fünfmal in den Iran und drehte zum Teil mit einer Fotokamera sowie einem speziell programmierten iPhone, da es nicht möglich ist, problemlos Filmequipment ins das Land zu bekommen.

"Raving Iran" ist – vor allem in der ersten Hälfte – zum Teil spannend wie ein Thriller, wenn die Raver u.a. auf den Partys jederzeit damit rechnen müssen, bei ihrer illegalen Veranstaltung auf frischer Tat ertappt zu werden. Großartig – und ein wenig surreal und bizarr – sind die Szenen in der verlassenen Wüste, die ein paar Techno-Jünger beim Tanzen und Spaß haben zeigen. Während der Stunden nach dem Rave, schlafen sie ihren Rausch aus – in der Einsamkeit der endlos anmutenden persischen Wüste.

Wahrlich beklemmend und alles andere als rauschhaft gestalten sich die "Dreharbeiten" in den Behörden, u.a. im berüchtigten "Ministerium für Kultur und Islamische Führung" in Teheran. Das mit einer versteckten Kamera gefilmte Gespräch mit einer resoluten, gefühlskalten Mitarbeiterin in eines der "Highlights" des Films, da es ungefiltert und auf unmissverständliche Art und Weise klarmacht, wie rückwärts orientiert, autoritär bzw. quasi-diktatorisch und repressiv das politische System im selbsternannten Gottesstaat ist. Anoosh und Arash wollen sich lediglich die Bestätigung einholen, ihre Musik mit Genehmigung der Regierung offiziell verkaufen und auf Partys auftreten zu dürfen.

Ihr selbstentworfenes und selbstgedrucktes Album-Cover haben sie gleich mitgebracht – dieses wird genauestens inspiziert und unter die Lupe genommen. Was sie zu hören bekommen, mutet für westliche Ohren natürlich wie ein schlechter Witz und regelrecht unfassbar an: erlaubt sei nur iranische "Volks"-Musik, nackte Haut müsse man auf einem Albumcover unkenntlich machen (auch wenn es nur ein kleiner Ausschnitt eines nackten Rückens ist), Frauen dürften auf der Bühne lediglich im Hintergrund und vollverschleiert agieren etc. Das alles äußert die Dame mit einem verschmitzten Lächeln und ohne auch nur den Anflug von Mitleid oder wenigstens Mitgefühl zu zeigen. Ähnliches zeigen die Szenen, in denen die zwei DJs versuchen, ihre Musik in verschiedenen CD-Läden und Instrumenten-Geschäften unterzubringen, um mehr Hörer zu gewinnen. Die Inhaber sind meist zutiefst vom Druck durch die Behörden und Polizei eingeschüchtert, der sich u.a. in ständigen Kontrollen und Durchsuchungen der Läden manifestiert. Und natürlich lassen sie sich nicht darauf an, den DJs zu helfen, zu groß ist die Angst, im Gefängnis zu landen – und die Willkür der Staatsmacht noch deutlicher zu spüren.

Beeindruckend ist zu sehen, dass sich Anoosh und Arash dennoch nie unterkriegen lassen und an ihrem Traum, ihre Leidenschaft endlich frei und ohne Angst ausüben zu können, festhalten. Auch wenn sich gelegentliche Streitigkeiten zwischen den Freunden nicht immer vermeiden lassen. Dann gehen sie wenig später eben wieder an die Rechner, tüfteln gemeinsam neue House-Sounds und andere elektronische Klänge aus oder schauen sich im Internet Bilder und Videos von Techno-Partys in Europa an, die für sie doch so unerträglich weit weg scheinen. Auch diese sehr intimen, persönlichen Momente, die der Film immer wieder einfängt, machen einen Reiz von "Raving Iran" aus.

Fazit: Mutige, da unter großen Gefahren umgesetzte Dokumentation über zwei Techno-DJs im Iran. Die Offenlegung des repressiven politischen Systems und die vielen intimen, intensiven Einblicke in die Gefühlswelt der Protagonisten, machen den Film sehenswert.




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