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Die Ökonomie der Liebe
Die Ökonomie der Liebe
© Camino

Kritik: Die Ökonomie der Liebe (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Titel verrät es bereits: Wenn die Gefühle in einer Beziehung erlöschen, erhalten die Liebenden die Quittung. Ausgaben, die sich Marie (Bérénice Bejo) und Boris (Cédric Kahn) bislang wie selbstverständlich geteilt haben, rechnen sie nun ebenso selbstverständlich penibel gegeneinander auf. Zum finanziellen Streitpunkt gerät das gemeinsame Haus, zum emotionalen die Zeit mit den Kindern. Beides wird seiner rationellen Nutzbarkeit unterzogen. Wie es zum Bruch des Ehepaars kam, erfahren die Zuschauer nicht. "Die Ökonomie der Liebe" steigt mitten in der Trennungsphase ein. Das Verhalten der Protagonisten lässt es jedoch erahnen. Der stets klamme und verschuldete Boris ist zwar ein liebevoller, aber auch unzuverlässiger Vater. Auf die gut organisierte Marie ist hingegen Verlass, sie ist aber auch rechthaberisch und pedantisch.

Regisseur Joachim Lafosse inszeniert dieses schmerzhafte Ende einer Beziehung als dichtes Kammerspiel. Erst gegen Ende verlässt er für wenige Szenen das Haus. Davor bewegt sich Jean-François Hensgens' Kamera in den geschmackvoll eingerichteten Zimmern und im von Blumen gesäumten, ummauerten Hof. Hensgens betritt nicht jeden Raum mit den Protagonisten, bleibt oft draußen stehen. Wo andere Filmemacher durch einen Schnitt näher an die Figuren heranrücken würden, wahrt Lafosse sichere Distanz, zeigt sie durch Fenster oder offene Türen. Überhaupt schneidet Lafosse wenig und ruhig. Manches Geschehen zeigt er überhaupt nicht, vermittelt es seinem Publikum nur über die Tonspur. Oft bleibt die Kamera stiller Beobachter, vor der sich die Figuren im Raum bewegen und durch ihren Abstand zum Objektiv die Einstellungsgröße selbst bestimmen.

Bérénice Bejo und Cédric Kahn, aber auch die Debütantinnen Jade und Margaux Soentjens, spielen das ganz wunderbar, machen die bedrückende Enge spürbar. So offen und einladend die Räume der Wohnung auch sein mögen, Marie und Boris können sich dort kaum aus dem Weg gehen. Lafosse zeigt, wie sich diese Anspannung entlädt, negativ wie positiv. Die vielen gemeinsamen Jahre lassen sich bei allen unüberbrückbaren Differenzen eben nicht einfach so wegwischen. Neben Provokationen und Streit sind zutiefst intime Momente zu sehen, wenn die Eltern etwa gemeinsam mit ihren Töchtern tanzen oder eine letzte Nacht miteinander verbringen. Die Trennung fällt allen Beteiligten dadurch umso schwerer.

Dieser differenzierte Blick, der zu keiner Zeit für einen der Ehepartner Partei ergreift, hebt Joachim Lafosses Drama weit über so viele Mainstreamproduktionen zum Thema hinaus. Hier gibt es keine plakativen Momente, selbst die Szenen, in denen die Situation eskaliert, sind mit Bedacht geschrieben und gespielt. In Person von Maries Mutter Christine (Marthe Keller) stellt Lafosse ganz nebenbei die Frage, wie sich die Ökonomie von Beziehungen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Christines Meinung nach werfe man eine Ehe heutzutage viel zu leichtfertig weg, anstatt sie zu reparieren. Und während Christine zum Wohle ihrer Tochter bei ihrem Mann geblieben ist, auch wenn die Liebe längst erloschen war, ist das für Marie und Boris keine Option.

Fazit: "Die Ökonomie der Liebe" wirft einen intimen und differenzierten Blick auf das Ende einer Beziehung. Dank einer ruhigen, konzentrierten Inszenierung und hervorragenden Darstellern gelingt es Regisseur Joachim Lafosse, den komplizierten und langwierigen Prozess einer Trennung überzeugend nachzuzeichnen.




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