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Kritik: Havarie (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Regisseur Philip Scheffner kommt von der (Video-)Kunst. Das sieht man seinen Dokumentarfilmen an. "Havarie", den er ursprünglich ganz klassisch konzipiert hatte, fordert das Publikum in seiner endgültigen Version durch eine radikale Formensprache. Denn Scheffner füllt die Leinwand mit nahezu ein und demselben Bild. Er dehnt einen kurzen Videoclip von 13 Schiffbrüchigen, den der Tourist Terry Diamond an Bord eines Kreuzfahrtriesen gedreht und anschließend ins Internet gestellt hat, auf eineinhalb Stunden. Während sich auf der Leinwand folglich kaum etwas fortbewegt, entwickelt sich das Geschehen ganz auf der Tonspur und in den Köpfen der Zuschauer, die der Regisseur zum Zuhören beziehungsweise Mitlesen der Untertitel zwingt.

Das Gehörte ordnet das kleine, im endlos erscheinenden Blau des Ozeans verlorene Schlauchboot in einen Gesamtzusammenhang ein. Der Funkverkehr zwischen der spanischen Seenotrettung, dem Kreuzfahrtschiff und einem Helikopter wechselt sich mit Gesprächen ab, die Philip Scheffner nach der Havarie geführt hat. Nicht alle Interviewpartner waren direkt daran beteiligt, sind aber mit dem Mittelmeer verbunden. Um jedes Detail zu erfassen, muss das Publikum schon ganz genau hinhören. Doch selbst dann erschließt sich nicht jede Überlegung in Scheffners Konzept. Dass der Regisseur keinen der 13 Schiffbrüchigen, sondern mit Abdallah Benhamou lediglich jemanden befragt hat, der Vergleichbares erlebt hat, ist die größte Schwachstelle dieses Films.

Seine Form macht "Havarie" zu einer anstrengenden, äußerst zähen und visuell eintönigen Erfahrung. Scheffners Entschluss, angesichts der in den Medien zigfach reproduzierten Bilder von Flüchtenden, auf eben diese Bilder zu verzichten und nicht ein weiteres Mal die daraus resultierenden Gefühle der Hilflosigkeit oder Angst zu bedienen, ist nachvollziehbar. In manchen Momenten, wenn sich etwa die Touristen an Bord des Kreuzfahtschiffs über die Flüchtlinge unterhalten, ist das Kopfkino gar stärker als jede Filmaufnahme. Scheffner macht seinen Dokumentarfilm, der besser als Videoinstallation in ein Museum passte, dadurch aber auch unzugänglich und sperrig.

Fazit: Philip Scheffners "Havarie" fordert sein Publikum mehr als jeder andere Dokumentarfilm zum Thema Flucht und Migration. Die radikale Form macht ihn allerdings zu einem äußerst sperrigen, zähen und visuell eintönigen Erlebnis.





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